Tablets mit vielen Nebenwirkungen
Beim Profilzug „Anders lernen in einer digitalen Welt" an der Stadtteilschule Helmuth Hübener in Hamburg Barmbek-Nord sind von Schüler:innen während des Unterrichts produzierte Podcasts und Filme eine Selbstverständlichkeit.
scout: „Anders lernen in einer digitalen Welt" was habe ich mir darunter vorzustellen?
Renya Brockmann: Das ist ein Profil für die Klassenstufen 5 bis 8 an unserer Stadtteilschule, bei dem die Schüler:innen viel mitbestimmen und fächerübergreifend selbst ausgedachte Projekte verwirklichen können. Dabei entstehen digitale Produkte wie Podcasts oder Filme - die Projektergebnisse können aber auch in eine Podiumsdiskussion münden oder als Graffiti dargestellt werden. Immer „digital" sind die Tablets, die zentral für diese Art des themenorientierten Lernens sind.
scout: Inwiefern sind sie zentral?
Marieke Wede: Sie sind zunächst einmal der Ort, an dem wir Lehrerinnen das Material für ein neu ausgewähltes Projekt zusammenstellen: Links, Videos und Texte. Damit können sich die Schüler:innen selbstständig in die Themen einarbeiten. Das würde niemals ohne die Tablets funktionieren. Und sie werden dann im Projekt eben auch kreativ eingesetzt: zum Beispiel, um beim Bewegungsthema „Boxen" erst Lernvideos anzuschauen - und dann Aufnahmen zu machen, um die eigenen Bewegungen zu kontrollieren. Oder beim Projekt „Nachrichtensendung", wo die Tablets zum Recherchieren, Filmen und auch als Teleprompter genutzt wurden. Die Schüler:innen organisieren Exkursionen zu ihren Terminen oder laden Expertinnen zum Video-Vortrag ein - letztens zum Beispiel eine Biologin, als es im Unterricht um Meerestiere ging. Vor allem sind die Tablets ein Ort des Austauschs: Wichtige Informationen für alle, Abstimmungen, Kollaboration in Untergruppen finden hier statt. Das ist essenziell für unsere Arbeit und passiert im Profilzug durchgehend den ganzen Tag über.
scout: Wie wichtig sind kreative Elemente in den Projekten?
Renya Brockmann: Sie gehören einfach dazu, sind aber nicht zentral. Wenn es bei einem Projekt zum Beispiel darum geht, alte Gerate zu reparieren - dann werden die eben repariert. Und das Ganze mit Fotos oder Filmen dokumentiert.
scout: Werden die Schüler:innen durch den alltäglichen Umgang mit Tablets auch medienkompetenter?
Renya Brockmann: Digitale Kompetenzen entwickeln wir situativ gemeinsam mit den Schüler:innen. Wenn Texte aus dem Netz oder von KI generiert genutzt werden, wird das gemeinsam reflektiert. Es geht auch weniger darum, alles vorher zu können, sondern gemeinsam zu lernen. Konkrete Inhalte wie zum Beispiel die Manipulation von Fotos muss man schon als Thema ansprechen und behandeln, das ergibt sich nicht aus dem reinen Umgang. Was sich aber geradezu ansteckend verbreitet, sind Fähigkeiten des Umgangs, die Beherrschung von Apps und Programmen für Filmschnitt zum Beispiel - das bringen sich die Schüler:innen gegenseitig bei, da sind wir völlig raus. Richtig gut hat sich der digitale Umgang miteinander zum Beispiel in den Schul-Chats entwickelt. Und wenn privat einmal etwas entgleist, werden wir Lehrenden meist offen bei der Konfliktlösung eingebunden.
scout: Was für Herausforderungen stellt dieses Konzept an die Lehrenden?
Marieke Wede: Wir müssen permnent neue Themen schnell aufarbeiten und für Schüler:innen zugänglich machen!
scout: Wo und wie kommt man an die nötigen Fertigkeiten, den Unterricht so offen zu gestalten?
Marieke Wede: Es gibt für die Lehrer:innen in Hamburg jährlich 30 Fortbildungsstunden! Aber das meiste erarbeiten wir uns, wenn ein Bedarf aufkommt: Wie programmiere ich einen Chatbot, der Schüler:innen bei der Planung der Projekte unterstützt? Wir merken einen Bedarf und suchen dann Lösungen. Uns eint die Selbstverständlichkeit, dass wir uns etwas neu aneignen, wenn wir es brauchen. Wir lernen viel im Austausch mit anderen Schulen, die neue Unterrichtsformen praktizieren, und lassen uns gerne von Vorbildern inspirieren. Zum Beispiel bei Barcamps der edunauten.de oder von oercamp.de.
ANDERS LEHREN: Wir sprachen mit den Lehrerinnen Renya Brockmann und Marieke Wede.