Digital und inklusiv
Bei Medienkompetenz-Programmen werden oft die Förderschüler:innen übersehen. „Los gehts" vom Offenen Kanal Schleswig-Holstein ändert das - und bietet „diklusive" Workshops für Förderschulen.
Großes Gewusel, große Aufregung. Josphine Reimer trägt zwei Kisten in die Klasse. Was ist da drin? Was machen wir heute? Es ist der Raum der jahrgangsübergreifenden Klasse der Stufen 7-9 an der Lilli-Nielsen-Schule in Kiel, ein Förderzentrum für körperlich-geistige Entwicklung. Die Schülerinnen gucken neugierig in die Kisten, und Reimer, Medienpädagogin beim Offenen Kanal Schleswig-Holstein, stellt sich erst mal vor: „Hi, ich bin Josi. Ich möchte euch heute ein bisschen kennenlernen, denn wir machen bald zusammen einen Workshop - zwei Tage lang. Wisst ihr das schon?" Schnell hat Reimer die Aufmerksamkeit: Sie holt iPads und Stative raus: „Wir drehen jetzt einen Stop-Motion-Film. Weiß jemand, was das ist?" Ja! Mattes erklärt, wie aus einzelnen Fotos, schnell abgespielt, ein Film wird.
Drei Gruppen werden gebildet, und tatsächlich: Los geht's! Ist also nicht nur ein Projektname, sondern gelebtes Motto. Am Tisch einer Gruppe wird ein Schneckenhaus Stück für Stück auf eine Reise durch einen Blumentopf geschickt. Die anderen verschwinden nach draußen ins grüne Außengelände der Schule. Am dritten Tisch überlegen Mattes, Cinar, Fiona und Shanze, was sie machen könnten. Josi hat ihnen eine Kiste mit Playmobil hingestellt - Krankenwagen, Eisladen, Polizist. Was könnte man damit erzählen?
INKLUSIV INDIVIDUELLE FÖRDERUNG
Für Reimer ist die Kennenlern-Stunde, die Wochen vor dem Workshop stattfindet, besonders wichtig. „Ich verschaffe mir mit einer ersten kleinen Aufgabe einen Überblick, welche Bedarfe und welche Ressourcen die Klasse hat. Das ist im Förderschulbereich sehr individuell und von Klasse zu Klasse verschieden." Entwicklungsstand und Möglichkeiten der Schülerinnen hängen hier nicht nur vom Alter ab.
Reimer erzählt von ihrem letzten Projekt: „Die Förderbedarfe waren sehr gemischt, es war auch eine blinde Schülerin dabei - es war also klar, dass auch andere Sinne als das Sehen angesprochen werden sollen, um wirklich alle aus der Klasse zu inkludieren." Herausgekommen ist ein digitales Quiz, auch mit rein akustischen Quizfragen. Während alle an den Filmideen basteln, erzählt Reimer, wie es zum Projekt kam: „Als Offener Kanal haben wir jene Menschen besonders im Blick, die oft unsichtbar bleiben." Das passiere schnell bei Förderschülerinnen, die durch getrennte Schulsysteme und eigene Busse der Gesellschaft seltener begegnen - und umgekehrt.
LERNEN DURCH MEDIEN
So sei es zum Diklusions-Projekt gekommen. „Diklusion" ist ein Kunstwort aus digitalen Medien und Inklusion, maßgeblich geprägt von Dr. Lea Schulz, Sonderschulpädagogin, Software-Entwicklerin und mittlerweile an der Europa Universität Flensburg zuständig für diesen Bereich. Es geht dabei um mehr als die Verknüpfung zweier Worte. Schulz entwickelte ein Fünf-Ebenen-Modell, an dem sich auch Josphine Reimer orientiert: Die erste Ebene ist das Lernen über Medien, also Medienerziehung und Medienkompetenz. Die zweite ist das Lehren mit Medien und damit das Unterstützen und Fortbilden der Lehrkräfte in diesem Bereich. Die dritte und vierte Ebene umschreiben das Lernen mit Medien, einmal als Lerngruppe und einmal als Lernebene. Und als fünften Punkt, mit dem Blick auf das Individuum, Lernen durch Medien, was im sonderpädagogischen Bereich auch „assistive Unterstützung" und Kompensation bedeuten kann - beim Lesen, Rechnen oder der Kommunikation.
Heute ist Reimer in einer vergleichsweise leistungsstarken Klasse gelandet. Drei Schülerinnen machen dieses Jahr den ESA-Abschluss. Fast alle kommen mit den iPads gut zurecht. Auch am dritten Tisch ist die Plot-Idee für den Film gefunden: Raubüberfall auf einen Eisverkäufer mit Verletzten, die Polizei kommt natürlich auch. Foto für Foto rücken Figuren weiter, rollt der Krankenwagen ins Bild. Nach 45 Minuten werden die Filme angeguckt: Staunen und Gelächter. Verrückt, wie schnell die Schnecke durch den Blumentopf saust! Und der Überfall ist auch cool geworden. Die zweite Gruppe hat ihre erste Idee gelöscht, die neue ist nicht fertig geworden. Josi fragt die Schülerinnen: „Was wollen wir denn beim Workshop machen? Weiter Filme drehen? Was programmieren? Ihr dürft mitbestimmen!" „Minecraft wollen wir!", ruft ein Schüler. Jubel. Ja, zwei Tage lang Games spielen! Gelächter. Josi bringt das nicht aus der Fassung: „Stimmt, das ist cool. Interessiert ihr euch für Gaming?" Klar. ,,Machen wir! Dann denke ich mir was aus." Einige gucken fast ungläubig.
STAUNEN UND GELÄCHTER
Nach der Stunde setzt sich Josphine Reimer mit den Klassenlehrerinnen zusammen. Auch das ist an Förderschulen etwas anders: Man kann nicht alles einfach mal auf sich zukommen lassen oder spontan entscheiden. Schülerinnen aus dem Autismus-Spektrum etwa müssen gut vorbereitet werden. Wird der Raum verlassen? Kann die Tagesstruktur mit den Pausenzeiten eingehalten werden? Reimer fotografiert schnell den Tagesplan ab, um das im Blick zu behalten. Auch sie hat Fragen: Reicht es, wenn Idee und Ablauf zwei Wochen vorher fertig sind? Die Klassenlehrerinnen nicken. Und sie macht noch einmal deutlich, dass sie das Klassenteam gleichzeitig dabei braucht - sie sei kein Ersatz: „Weil ich keine Sonderpädagogin bin. Und weil ich euch beibringen möchte, solche Projekte auch ohne mich zu wiederholen." Jetzt beginnt für Reimer die Arbeit hinter den Kulissen. Das Quiz hat sie damals mit ihrem Partner programmiert. „Mal gucken, Gaming is t doch spannend! Da freu ich mich drauf rumzudenken!" Sie trägt die Kisten zurück zum Auto und erzählt, dass für 2026 noch zwei weitere diklusive Schulprojekte geplant sind, auch für 2027 steht die Finanzierung. Jedes sei neu - „und immer ein kleines Abenteuer. Das mag ich so an diesen Workshops: Wenn man einmal so gearbeitet hat, lässt es einen los."