Interview

Eltern sind Eltern. Keine Freunde.

Foto: Michaela Kuhn (Altonaer Kinderkrankenhaus)

Professor Michael Schulte-Markwort ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und am Altonaer Kinderkrankenhaus. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen auf Kinder.

scout: Sie haben neben Ihrer Arbeit die Sachbücher „Burnout-Kids“ und „SuperKids“ geschrieben. Warum?

Schulte-Markwort: Mit „Burnout-Kids“ wollte ich eine Werte-Diskussion anstoßen. Wir diskutieren zu wenig über die Themen Erschöpfung, Leistungsdruck, Disziplin – und darüber, wie Jugendliche heute mit 1.000 Handynachrichten pro Tag umgehen. Das zweite Buch ist dann entstanden, um Familien zu entlasten. Um Eltern zu sagen: Eure Kinder sind nicht auffällig, sondern ihr habt zu viel Erziehungsehrgeiz.

scout: Schon Kinder und Jugendliche leiden unter dem „Immer-mehr“ und „Immer-schneller“ in Familie, Freizeit und Schule. Können Sie die Ursachen und Auswirkungen näher beschreiben?

Schulte-Markwort: Die alles durchdringende Ökonomisierung ist für mich das Schlagwort. Ich meine damit, dass wir ethisch-moralische Werte stillschweigend durch ökonomische Prinzipien und ökonomische Werte ersetzen. Kinder wachsen damit auf, dass es immer um Wert und Gegenwert geht. Und nicht darum, fürsorglich oder zugewandt zu sein, weil man jemanden liebt oder weil man das für wichtig erachtet. Immer geht es nur um die Frage: Was ist mein Gegenlohn? Jugendliche sind sich auch unsicher, ob sie den Lebensstandard ihrer Eltern halten können. Das war anders in den 1970er-Jahren, als ich aufgewachsen bin. Damals galt: Du sollst es mal besser haben als wir! Wir alle wussten, dass es so eintreten würde. Gleichzeitig sind die Kinder heute sehr aus sich heraus motiviert, leistungs­orientiert und selbstdiszipliniert. Dies ergibt das in den Büchern beschriebene Hamsterrad, das Kinder schneller als früher in Erschöpfungszustände treibt.

Kinder sind heute sehr motiviert, leistungsorientiert und selbstdiszipliniert.

Michael Schulte-Markwort

scout: Und welche Rolle spielen dabei die digitalen Medien?

Schulte-Markwort: Kindheit ist heute komplett verhäuslicht. Kinder sagen mir, ich treffe mich nicht mehr nachmittags mit Freunden. Nicht, weil ich keine Lust habe, sondern weil ich sie sowieso alle am Vormittag gesehen habe und weil ich am Nachmittag ununterbrochen in Kontakt mit ihnen stehe. Man hat sich nichts Neues mitzuteilen, weil das per Instagram und Snapchat schon erfolgt ist. Das alles hat zur Folge, dass man sich tatsächlich weniger treffen muss. Schwierig daran ist die Fülle von Informationen und die Dauer der Zeit, die man jeden Tag damit verbringen muss, à jour zu sein. Das Sammeln von Likes und das Bekommen von Dislikes führen zu weiterem Druck und auch zu Hetze und Eile. Immer müssen sie dran bleiben!

scout: Leidet die Qualität von Freundschaften unter der Digitalisierung?

Schulte-Markwort: So weit würde ich nicht gehen. Das ist eine typische elterliche Sorge. Aber Kinder sind extrem wertkonservativ. Die wollen alle eine Familie gründen, eigene Kinder haben, ein Haus bauen und einen Baum pflanzen. Das hat sich nicht geändert. Und es gibt natürlich nach wie vor den besten Freund, die beste Freundin. Kinder wissen übrigens auch, dass 550 Freunde auf Facebook keine Freunde in dem Sinne sind, da können sie sehr gut differenzieren. Die eigentliche Beziehungsqualität hat sich nicht verändert, das kommt uns Erwachsenen nur so vor.

scout: Unter dem Stichwort „digitale Demenz“ werden solche Sorgen aber weit verbreitet …

Schulte-Markwort: Den Begriff „digitale Demenz“ halte ich für gefährlich und populistisch. Er unterstellt, dass Kinder immer dümmer würden. Tatsächlich gibt es aber den sogenannten Flynn-Effekt, wonach man Intelligenztests alle zehn Jahre anpassen muss. Weil die Kinder ständig klüger werden! Weil es einfach mehr Wissen in der Welt gibt, das Kinder aufnehmen. Von „digitaler Demenz“ ist da keine Spur. Auch die Kinder, die digitale Medien intensiv nutzen, sind in der Regel nicht benachteiligt oder dümmer als andere. Die Online-Abhängigkeit, etwa drei von 100 Jugendlichen sind betroffen, ist hier ein Extrathema.

scout: Eltern sind dennoch verunsichert. Schaukelt sich da etwas hoch? Sie befürchten bei ihren Kindern immer mehr Probleme und wollen deshalb immer aktiver werden.

Schulte-Markwort: Zur Frühzeit der Eisenbahn gab es wissenschaftliche Aufsätze darüber, dass der Mensch für Geschwindigkeiten über 30 Stundenkilometer nicht gebaut sei und bei dieser Geschwindigkeit die Köpfe platzen würden. Ähnlich muss man manche Ängste heute sehen, ohne sie zu bagatellisieren.

scout: Viele Eltern fühlen sich hin und her gerissen: Soll ich in der Medienerziehung strenger sein oder mein Kind von der digitalen Leine lassen?

Schulte-Markwort: Beides ist irgendwie komisch. Es muss Gummibärchen und Schwarzbrot geben. Es muss Fernsehen, PC-Spiele und Smartphones geben und das Spiel da draußen, im Garten, im Park, im Baumhaus. Meine Erfahrung ist: Wenn man Kindern viel anbietet, nutzen sie auch viel. Sie nutzen bestimmte Dinge besonders dann, wenn sie damit mehr Autonomie und mehr Identität schaffen können. Eben auch, indem sie Eltern provozieren. Wenn es für mich überhaupt keine Provokation ist, dass mein Kind am Rechner sitzt, dann wird das Kind das genauso normal einsetzen wie alles andere auch. Manchmal sagen Eltern, wenn es Konflikte um Medien gibt: Gut, dann mach ich eben gar nichts mehr! Das ist aber ein beleidigter Rückzug. Der nützt natürlich auch nichts. Grundsätzlich erwarte ich von Eltern, dass sie wissen, welche Online-Spiele ihre Kinder nutzen. Wenn Eltern mir sagen, ihr Sohn sitze täglich acht Stunden vor dem Monitor, dann frage ich als Erstes: Was spielt er denn? Sehr viele Eltern können diese Frage nicht beantworten. Ich rate dann, lassen Sie sich das Spiel doch mal von Ihrem Sohn zeigen. Der wird stolz sein, Ihnen

Ich finde es eindrucksvoll zu erleben, wie erleichtert Kinder sind, wenn sie eine klare Ansage bekommen.

Michael Schulte-Markwort

zeigen zu können, was er da gerade macht, und dann relativiert sich manche Sorge. Wenn wir Online-Spiele grundsätzlich zum Teufelszeug erklären, dann müssen sich die Kinder natürlich wehren. Das war bei mir ja auch so, als ich die Rolling Stones hörte – und meine Eltern gesagt haben, das ist ja grauenvolles Hexenwerk.

scout: Eltern kümmern sich intensiv um die Medienerziehung ihrer Kinder, bis diese etwa zehn Jahre sind. Dann bekommt das Kind in der Regel das erste Smartphone und viele Eltern sagen plötzlich: „Ich komme da nicht mehr mit!“

Schulte-Markwort: Was ja gar nicht stimmt! Eltern nutzen Smartphones ja selbst! Schauen Sie sich morgens mal auf dem Hamburger Flughafen um. Da stehen zig Männer in dunklen Anzügen und alle haben ein Smartphone vor der Nase. Wenn die Maschine ausrollt, machen alle Erwachsenen als Erstes wieder ihr Handy an. Die Eltern sind hier in der Verantwortung: Ich erwarte von ihnen, dass sie vormachen, wie man grundsätzlich mit digitalen Medien umgeht.

scout: Es gibt aber Eltern, die dazu mit den Schultern zucken. Denen ist das egal. Oder die sind viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt.

Schulte-Markwort: Das gilt nur für eine kleine Gruppe und lange nicht für die Mehrheit. Es besteht aber die Gefahr, dass diese kleine Gruppe abgehängt wird – und ganz konkret ihre Kinder. Das sind nach meiner Erfahrung leider auch jene Kinder mit der schlechteren Schulbildung. Solche, die ungesünder leben, die adipöser sind. Da kommt einiges an Problemen zusammen.

scout: An wen können sich Eltern wenden, wenn sie den Medienkonsum ihres Kindes für auffällig halten? Das ist ja nicht immer gleich ein Fall für den Psychiater.

Schulte-Markwort: Ich finde, es sollte auch für Eltern immer der erste Schritt sein, solche Probleme in der Schule zu thematisieren. Lehrer sollten dann auch die weiteren Wege kennen. Denn mein Eindruck ist, dass Schulen heute mit Medienangeboten gut ausgestattet und die Lehrkräfte und Beratungslehrer gut mit internen Fortbildungen versorgt sind. Es gibt inzwischen viele Schulen, die sich intensiv um dieses Thema kümmern. Wenn das alles nicht reicht, kann man den Kinderarzt oder den Hausarzt ansprechen. Eltern sollten sich aber auch nicht scheuen, den nächsten Kinder- und Jugendpsychiater zu fragen. Wir haben im Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE) eine eigene Jugend­sucht­­abteilung und eine zugehörige Tagesklinik und Ambulanz, wo man klären kann, ob beispielsweise Kriterien für eine PC-Abhängigkeit vorliegen oder nicht.

scout: Sollten sich Eltern trauen, klare Ansagen zum Umgang mit digitalen Medien zu machen?

Schulte-Markwort: Klare Ansagen sind sehr entlastend. Eltern als beste Freunde ihrer Kinder sind dagegen etwas sehr Fatales. Eltern müssen auch Eltern sein und dürfen sich nicht aus dieser Verantwortung stehlen. Dazu gehören klare Ansagen. Ich finde es eindrucksvoll zu erleben, wie erleichtert Kinder sind, wenn sie eine klare Ansage bekommen. Wenn man auf der anderen Seite die Kinder fragt, dann wissen sie meist sehr genau, was ihnen guttut. Ich bin gar nicht in so großer Sorge um unsere Kinder – ich bin mehr in Sorge darum, wie zögerlich wir als Erwachsene Verantwortung übernehmen.

Das Gespräch führten Leslie Middelmann und Dr. Thomas Voß von der MA HSH.

Das könnte Sie auch interessieren:

Hinterlassen Sie einen Kommentar:

Ihre E-Mail-Adresse ist niemals öffentlich sichtbar.

Bitte rechnen Sie 3 plus 8.