Hacken für die Zukunft
Einmal im Monat trifft sich „Jugend hackt". An über 20 Standorten bundesweit können 12- bis 18-Jährige frei an ihren digitalen Ideen arbeiten. scout war in Hamburg dabei.
Ein Tisch voller Kabel und Steckdosen, ein riesiges Alpaka-Plüschtier mittendrin. Drum herum Mentor:innen in den letzten Vorbereitungen: Sie checken Equipment, schneiden Äpfel und Franzbrötchen klein, beschriften Namensschilder. Gleich wird es voll werden. Dann kommt die Jugend. Wird sich verkabeln. Loslegen. Hacken! Einmal im Monat trifft sich "Jugend hackt-Hamburg" in den Räumen des Chaos Computer Clubs. Es wird vermutlich voller als sonst, denn heute ist auch „Open Lab - Tag der offenen Hackspaces". Jede und jeder darf mal gucken kommen, was bei „Jugend hackt" passiert. Johann (12) ist einer der frühesten Teilnehmer, heute zum ersten Mal da. Sein Vater spricht kurz mit Pablo, dem leitenden Mentor in Hamburg, und verschwindet wieder: „So soll es auch sein: Die Kids müssen sich ausprobieren, ihre eigenen Ideen umsetzen, also selber handeln. Ohne dass Eltern bewerten, ob das sinnvoll ist oder nicht", sagt Pablo.
„Jugend hackt" ist ein Bildungsprogramm, das die NGOs „Open Knowledge Foundation Deutschland" und der Bildungsverein „mediale pfade" bundesweit umsetzen. Pablo bringt dafür als Software-Entwickler das technische Wissen mit. Birte Frische hat die medienpädagogische Projektleitung und erzählt: „Es geht um das Vernetzen, das Bilden einer Community, das Fördern von digitalen Fähigkeiten. Und auch um eine Hacker-Ethik: Unser Ziel ist, mit Technik die Welt besser zu machen."
Also mit Games, mit Apps oder bloß mit LEDs. „Diese Inhalte werden bewusst nicht frontal gelehrt, sondern finden eigentlich ständig, nebenbei' statt - beim Entwickeln genauso wie in der Pause", sagt Frische. „Coden" sei mehr als reine technische Kompetenz: „Jugend hackt" gehe es um aktive Mediengestaltung statt um reinen Konsum von vorgesetzter Technik: „So entsteht die Fähigkeit, selbst kreativ zu werden. Und auch digitale Mündigkeit", sagt Frische.
CODEN STATT KONSUM
Im Minutentakt füllt sich der große Raum immer mehr. Die zehn Plätze um den Tisch herum sind schnell belegt. Die Mentorinnen helfen beim Aufbau, statten auch jene aus, die ohne Rechner gekommen sind. Ein paar Jugendliche weichen aus in die Löt-Werkstatt nebenan und versuchen sich an der Hardware.
Wenig später sind sogar die Sofaplätze belegt. Pablo guckt zufrieden in die Runde: „Viele bekannte Gesichter, auch einige neue." Alle kommen mit anderen Ideen oder Fragen: Der eine lässt sich zeigen, wie man Linux installiert, weil man damit besser programmieren kann. Andere sind zu zweit, wie Nils und Mo, beide 14. Nils kommt schon seit einem Monat. Es begann damit, dass er Hilfe brauchte für das Programmieren der Website seiner Schule. Heute hat er Mo mitgenommen und ihm aus Spaß mal eine Aufgabe gestellt: „Er soll einen Taschenrechner programmieren!" Mo ist fast fertig. Sich untereinander zu helfen und Wissen auszutauschen, ist Teil der Idee.
Was kann dieser Rechner dann? „Plus, Minus, Multiplizieren und Teilen." Neben ihnen sitzen Noam und Jonathan, beide 13. Sie sind fast immer dabei. Gerade programmieren sie Objekte, die sie im 3D-Drucker ausdrucken wollen: Noam eine neue Handyhülle, Jonathan ein kleines Regal. Ein Regal? Wofür denn das? „Für meinen Animationsfilm." Worum geht es in dem Film? „Einen Bösewicht. Also eigentlich um Gut gegen Böse."
Es sind mehr Jungs da, aber auch einige Mädchen. Eleonora ist eine von ihnen, mit achtzehn Jahren eine der Ältesten: ,,Ich will Informatik studieren, Software-Entwicklerin werden, kann aber noch nicht so richtig gut programmieren." Das lernt man in der Schule nicht. Hier schon: Sie programmiert zum Start mit Python einen „Raspberry Pi", der anschließend leuchtet. Sie mag die Stimmung hier. „Man kann jede Frage stellen, es ist egal, wie viel man schon kann - ich finde es sehr angenehm."
Alle sind in ihren Ideen vertieft. Die Mentorinnen Mate und Hanno bleiben in der Nähe, falls doch noch eine Frage auftaucht. Beide arbeiten ehrenamtlich. Was macht an diesem Ehrenamt besonders Spaß, was treibt sie an? „Eigentlich ist das der Ort, den ich selbst gern als junger Mensch gehabt hätte", sagt Mate. Hanno nickt: „Total, geht mir auch so!" Sean Luca, einer der jüngeren Mentoren, kommt dazu und erzählt. „Ich war der Einzige, der sich nicht für Fußball interessiert hat. Meine Familie versteht bis heute nicht, was ich am Computer mache." Die drei erzählen, wie sie mit ihren Tech-lnteressen doch allein waren - in der Familie, der Schule, dem Dorf. ,,Jugend hackt" biete dagegen eine reale Community, jenseits von virtuellen Kontakten. Ein guter Moment, um zu fragen, was es eigentlich mit dem Alpaka auf sich hat: Ist das eine Art Maskottchen von Jugend hackt"? Die Mentorinnen lachen. Eine lange Geschichte, die sich verselbstständigt hat! Manches ist bewusst Legende: Irgendwann vor 2018 wurden freundliche Pixel-Logos bei „Jugend hackt" programmiert. Eins davon sollte eigentlich einen Bären darstellen. Oder einen Hasen. Andere sahen ein Alpaka. Daraus wurde das „Al Hacka". Es gibt sogar einen Lötbausatz für einen kleinen Alpaka-Anhänger mit LED-Leuchten.
DAS ALPAKA IST ÜBERALL
Jetzt ziert das Alpaka-Icon Sticker, man kann einen Alpaka-Haarreif programmieren und in 3D ausdrucken. Irgendwann tauchte es auch als Plüschtier auf und führt seitdem sein Eigenleben, reist mit zu Hackathons in anderen Städten. „Es kommt aber nie weg", sagt Hanno.
Johann, der als Erster kam, hat sich noch einmal lange mit Mentor Pablo beraten und ist wieder vertieft in sein Projekt. Fast drei Stunden sitzt er konzentriert am Laptop. Ob man ihn stören darf? „Doch, geht!" Woran er denn arbeite? „An einem Messenger-Dienst, so ähnlich wie Signal oder WhatsApp. Er heißt Say Chat."
Oha! Was kann sein Messenger, was die beiden nicht können? „Mein Messenger ist bereits schneller!" Und was fehlt dann noch? ,,Ich versuche, ihn sicherer zu machen." Man ahnt, dass ihm weder Freunde, Eltern oder gar Großeltern dabei helfen können. Er lächelt: „Nein, eher nicht." Und hier? „Ich bin jetzt weiter, ja!" Er wird also wiederkommen? Er nickt. „Ja, gerne!"
Bera (10) und Mahir (12) haben ihre Laptops auf den Knien - sie haben vorhin die letzten Sofaplätze ergattert. Auch sie programmieren gerade Objekte für den 3D-Drucker. Sie waren schon in den letzten Monaten da, genießen die Zeit „ohne Erwachsene, das ist cooler". Mentor Pablo lächelt verschmitzt. Sieht er es wie Bera und Mahir? Ja, das tut er: „Ohne Eltern ist die Stimmung schon noch mal anders. Freier einfach!"
Ab 17.00 Uhr löst sich das Lab langsam auf. Laptops werden zugeklappt, Kabel abgezogen und aufgerollt. Alle helfen beim Aufräumen und Abbau. Und vielleicht ist das auch etwas, was man wirklich erwähnen muss: Da ist dieser wertschätzende Umgang, eine Gemeinschaftlichkeit und Hilfsbereitschaft, die mit dem Klischee eines kühlen „lonely Nerds" nichts zu tun haben.
Das Alpaka-Plüschtier sitzt derweil leicht schief zwischen Geräten auf einem Regal am Rand und wartet auf seinen nächsten Einsatz.