Hass im Netz kommt aus allen Richtungen

Wie lernen Jugendliche, sich Hilfe zu holen, wenn sie Hass – oder Hatespeech – im Netz entdecken? Oder dem sogar selbst ausgesetzt sind? Ein Gespräch mit Christina Hübers vom Verein „ichbinhier“, der Workshops für digitale Zivilcourage anbietet.


Was genau ist Hatespeech?
Hatespeech – im Deutschen: Hassrede – ist nicht einheitlich definiert. Wir definieren sie als aggressive oder allgemein abwertende Aussagen gegenüber Personen, die bestimmten Gruppen zugeordnet werden. Besonders betroffen sind Menschengruppen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, Herkunft, Religion, sozialen Situation oder ihres Geschlechts marginalisiert und diskriminiert werden. Gehetzt wird aber auch gegen Politiker*innen, Influencer*innen und Journalist*innen. Frauen sind dabei besonders oft Zielscheibe. Hassrede kommt häufig ‚von rechts‘, oft aus ‚Trollfabriken‘, und ist regelrecht organisiert. Letztlich kann sie aber aus allen Richtungen kommen, oder auch von Einzelpersonen.

Und was hat Hatespeech mit Demokratie zu tun?
Social Media ist ein öffentlicher Raum – also ein Raum, in dem Demokratie gelebt und gestaltet wird. Hass und Hetze bewirken, dass sich Betroffene aus diesem Raum und damit aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen und ihre Meinung dadurch öffentlich nicht mehr sichtbar ist. Das Fatale ist, dass die Wahrnehmung, was die Mehrheitsmeinung zu sein scheint, verzerrt wird und die Diversität unserer pluralen Gesellschaft nicht abgebildet wird. Wir finden, dass Social Media als demokratisch gestaltbarer Raum für alle zugänglich bleiben muss!

Was macht Ihr Verein „ichbinhier“ genau?
Wir sind ein Verein, der sich gegen Hass und Hetze im Netz und für eine starke Demokratie im Digitalen einsetzt. Seit 2016 haben sich über 40.000 Menschen im Rahmen der Online-Aktionsgruppe #ichbinhier auf Facebook ehrenamtlich mit Counterspeech gegen Hasskommentare und für Betroffene eingesetzt. Wir unterstützen die Arbeit dieser Gruppe. Aus der jahrelangen Praxis im Umgang mit Hass im Netz haben wir Bildungsformate entwickelt, um Menschen für den Umgang mit Hass im Netz zu sensibilisieren und ihnen zu zeigen, wie man dagegen vorgehen kann. Unsere Trainings- und Bildungsarbeit richtet sich an verschiedene Zielgruppen. Zum Beispiel an Kommunalpolitiker*innen, die oft Ziel von Hasskampagnen sind, oder auch an Schüler*innen. In unseren Schulworkshops, den ‚Bootcamps für digitale Zivilcourage‘, zeigen wir, wie man konkret gegen Hassnachrichten vorgehen kann. Und wie man ‚digitale Zivilcourage‘ lebt. Es geht darum, einen Werkzeugkasten zur Verfügung zu stellen, der alles enthält, was man in einer solchen Situation benötigt: zum Beispiel Informationen darüber, wo und wie man Hatespeech meldet. Oder Handlungsanweisungen, wie man auf Hass und Hetze reagiert, wenn man eine solche Attacke miterlebt.

Wie läuft so ein Bootcamp ab?
Zu Beginn des Workshops reden wir allgemein über Hass und überlegen gemeinsam, was eine Meinung ist und wann die Grenze der Meinungsfreiheit erreicht ist. Der Kern unseres Bootcamp-Angebots ist die Simulation einer eskalierenden Kommunikation. Dafür weisen wir den Teilnehmenden verschiedene Online-Rollen zu, die man auch sonst in Online-Diskussionen findet: Es gibt auf der einen Seite User*innen, die sich eine Meinung bilden wollen, daneben User*innen, die sich austauschen und mit anderen offen diskutieren wollen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die nur an destruktiver Kommunikation interessiert sind. Diese Rollen treffen in unserer Simulation aufeinander. Dazu stellen wir einen geschützten Raum auf einer Plattform zur Verfügung, die einem sozialen Netzwerk nachgebildet ist. Dann wird in der Simulation über ein ‚Trigger‘-Thema gesprochen, das sich die Klasse zuvor ausgesucht hat und Diskussionspotenzial bietet. Alle gehen ihren Rollenbeschreibungen entsprechend vor – und schon bald eskaliert die Diskussion, während andere versuchen, dies zu verhindern. Anschließend wird dieses Online-Rollenspiel gemeinsam reflektiert: Wir fragen die Jugendlichen beispielsweise, wie sie ihre Rolle erlebt und welche Handlungsstrategien sie angewendet haben.

Zu welchen Aha-Erlebnissen führt das?
Den Schüler*innen wird oft zum ersten Mal bewusst, wie einfach es ist, im Netz destruktiv zu sein. Gleichzeitig verstehen sie, wie anspruchsvoll es sein kann, einen konstruktiven Online-Beitrag zu verfassen. Sie erleben zudem, dass man Hass mit Hilfe von eingeübten Strategien begrenzen kann. Die Person, die Troll war, muss nicht viel nachdenken. Sie kann Hass wie am Fließband produzieren. Durch die Reflexion dieser Rolle versteht man, dass sich der ausgeschüttete Hass nicht persönlich an eine Person richtet, sondern ins Netz gekippt wird, um damit Aufmerksamkeit zu bekommen, indem möglichst viele Menschen darauf reagieren.

Was lernen sie noch?
Sie lernen, unter welchen Bedingungen und mit welchen Mitteln man eine entgleisende Diskussion retten kann – zum Beispiel, indem man sich Verbündete sucht. Um sich selbst zu schützen, kann es auch zielführend sein, aus einer Endlosdiskussion einfach auszusteigen und sich zurückzunehmen. Wir zeigen zudem, wo man Hatespeech melden kann, weil sie Grenzen überschreitet und deshalb verboten ist. Und wie man Plattformbetreiber*innen auffordert, eine Diskussion zu moderieren.

Ab welchem Alter werden die Bootcamps angeboten?
Unsere Erfahrung zeigt, je älter die Schüler*innen sind, umso leichter fällt es ihnen, die Rollenbeschreibungen für den Online-Konflikt anzuwenden. Bislang haben wir die Simulation deshalb insbesondere ab der neunten Klasse angeboten. Wir sind gerade dabei, sie in angepasster Form auch für die Jahrgänge sieben und acht zugänglich zu machen.

Zu guter Letzt: Wie grenzt man Cybermobbing von Hatespeech ab?
Bei Cybermobbing richtet sich der Hass gezielt gegen eine Einzelperson, die den*die Aggressor*in aus dem privaten Umfeld zumeist auch persönlich kennt. – Hass im Netz hingegen richtet sich wahllos gegen Menschengruppen oder Personen des öffentlichen Lebens.

Wenn das Bootcamp dann vorbei ist – sind alle Schüler*innen Netz-Demokrat*innen?
Unser Einsatz kann nur ein Anfang sein, um Schüler*innen für das Thema zu sensibilisieren. Es wäre wichtig, dass Lehrkräfte das als Startschuss verstehen und darauf aufbauen! Aber grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass man digitale Zivilcourage erlernen kann.

Wie kann man ein Bootcamp buchen?
Bootcamp-Trainer*innen arbeiten zurzeit in Hamburg, Schleswig-Holstein, Bremen und dem nördlichen Niedersachsen, Berlin und Brandenburg. Schulen können uns direkt anfragen. Wer Interesse hat, meldet sich gerne jederzeit. Falls keine Mittel vorhanden sind, schauen wir nach einer finanziellen Lösung.

zur Person

Christina Hübers ist Geschäftsführerin von ichbinhier e.V. (www.ichbinhier.eu). Der Verein sensibilisiert Nutzer*innen sozialer Netzwerke, Medienvertreter*innen und politische Entscheidungsträger*innen für das Thema Hass im Netz.