Medienkompetenz in Schleswig-Holstein

Seid Netz zu einander

Zwischen Nord- und Ostsee haben sich im Jahr 2010 die Kräfte der Medienkompetenzförderung zu einem Netzwerk zusammengeschlossen – um von Begeisterung, Engagement und Know-how der anderen zu profitieren. scout erklärt Struktur und Zusammenhänge.


Zeichnung einer Karte von Schleswig-Holstein mit Leuchttürmen und Möwen
Ilustration: Annelie Carlström

Den Wunsch nach mehr Miteinander in der Medienkompetenzförderung in Schleswig-Holstein gab es schon, bevor der neue Begriff Mitte der 90er-Jahre die Runde machte. Akteure aus der Medienbildung setzten sich zusammen und rangen um Ideen. „Ergebnislos“, erinnert sich Peter Willers, Chef des Offenen Kanals Schleswig-Holstein, „Ende der 90er sind wir gescheitert, als wir lokale und landesweite Aktivitäten in einem Treffen zusammenführen wollten. Dann wurde das Projekt Jahre später wieder angeschoben, mit Rückenwind aus dem Sozialministerium und regionalen Wurzeln: In insgesamt vier Regionen organisierten sich die Protagonisten der Medienarbeit und formulierten erstmals den Wunsch nach einer Zusammenarbeit auf Landesebene. Fortan arbeitete ein Quartett an der Umsetzung eines Landeskonzeptes: unter Federführung von Peter Willers, begleitet vom Institut für Qualitätsentwicklung an den Schulen (IQSH, in Person von Reinhard Buhse), das in Schleswig-Holstein für Lehreraus- und Fortbildung verantwortlich ist, komplettiert von Gyde Hansen (Sozialministerium) und Kurt Geisler (Bildungsministerium). Anfang 2010 war das Konzept fertig.

Und darin stand es schwarz auf weiß: „Ziel des Landeskonzeptes ist es, die vielfältigen Angebote zu bündeln. Damit soll allen Einwohnern ermöglicht werden, ein angemessenes Maß an Medienkompetenz zu erwerben.“

Dafür wurden zwei Gremien installiert, die sich gegenseitig unterstützen: Alle überregionalen Akteure der Medienkompetenzförderung – aus Politik, Verbänden, Vereinen oder öffentlichen Einrichtungen – bilden die regelmäßig tagende Lenkungsgruppe. Die erhält Anregungen, Wünsche und Feedback für landesweite Medienarbeit in den vier Regionalkonferenzen, bei denen sich ein Mal im Jahr die vielen Anbieter des platten Landes zur Abstimmung treffen – Jugendzentren, Schulen, medienpädagogische „Einzelkämpfer“.

Ein Zusammentreffen aller Akteure gibt es dann beim jährlichen „Tag der Medienkompetenz“ mit Workshops und Seminaren.

Die Lenkungsgruppe

Das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein (IQSH) ist zuständig für die Lehreraus- und Fortbildung im Land. Medienkompetenzförderung in den Unterrichtsfächern ist eine wichtige Aufgabe des IQSH. Das Institut ist im Netzwerk zuständig für die Lenkungsgruppe, organisiert deren regelmäßige Treffen und auch den jährlichen Medienkompetenztag.

Die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA HSH) ist die in beiden Bundesländern zuständige Aufsichtsinstanz für den Kinder- und Jugendschutz in Onlinemedien und Rundfunkprogrammen. Die Medienkompetenzförderung erfüllt in diesem Zusammenhang zentrale Aufgaben der Prävention. Als länderübergreifende, strategisch handelnde Koordinatorin unterstützt die MA HSH zahlreiche Einzelprojekte der Medienkompetenzförderung.

Für das schleswig-holsteinische Bildungsministerium ist die Vermittlung von Medienkompetenz „ein zentrales Anliegen der Bildungspolitik“. Das Ministerium ist zuständig für allgemein bildende Schulen und Berufsschulen.

Die Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein (AKJS) hat als zentrales Medienkompetenz-Projekt die „Handy-Scouts“ ins Leben gerufen. Landesweit wurden seit 2007 über 3.000 Schüler aus 5. und 6. Klassen von Oberstufenschülern fit gemacht für die richtige und sichere Nutzung von Handys.

Über den Landesjugendring (LJR) und dessen Mitgliedsorganisationen können mehr als 500.000 Kinder und Jugendliche in Schleswig-Holstein erreicht werden. Der LJR bietet JugendleiterInnen Fortbildungen zu neuen Medien an und veranstaltet jährlich eine Fachtagung zu aktuellen medienpädagogischen Themen.

Der Offene Kanal Schleswig-Holstein (OKSH) ist mit Bürgerfernsehen und -hörfunk an vier Standorten tätig. Der OKSH organisiert für das Netzwerk die Regionalkonferenzen, ist für die Ausbildung der landesweit tätigen Eltern-Medien-Lotsen zuständig und führt pro Jahr allein und mit Partnern weit über 900 Medienkompetenz-Veranstaltungen durch.

Das Familienministerium Schleswig-Holstein richtet sein Augenmerk auf Gefahren und Chancen der Mediennutzung junger Menschen. Es organisiert Fachveranstaltungen und finanziert Fortbildungen für „Multiplikatoren“ – Erzieher, Mitarbeiter in Jugendhäusern. Das Jugendministerium finanziert beispielsweise die Ausbildung der Elternmedienlotsen, stärkt die Medienkompetenz für die offene Jugendarbeit und setzt das Thema Medien auch in der ambulanten oder stationären Jugendhilfe.

Weitere Vertreter der Lenkungsgruppe sind: Büchereizentrale Schleswig-Holstein, Filmwerkstatt der Filmförderung Hamburg/Schleswig-Holstein, Landesrat für Kriminalitätsverhütung, Landesverband der Volkshochschulen, Unabhängiges Landeszentrum für Datenschutz, Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein.

Die Regionalkonferenz

Ein buntes Bild vom platten Land

„Vernetzung ist kein Zustand, sondern ein Prozess“, sagt Henning Fietze, der für den Offenen Kanal nicht nur die Ausbildung der Eltern-Medien-Lotsen übernommen hat, sondern im Rahmen des Netzwerks Medienkompetenz auch die vier Regionalkonferenzen organisiert: „Medienkompetenzvermittlung gibt es allerorten, von Krieseby bis Lübeck-Moisling.“ Manche wirken seit Jahrzehnten, andere sind ganz neu: „Das Bild ist bunt. Es gibt lose Initiativen, aktive Einzelkämpfer, Vereine, Behörden und Institutionen.“ Sie alle sollen sich bei den Regionalkonferenzen treffen, Gedanken mitteilen, Erfahrungen austauschen und Wünsche an die Lenkungsgruppe formulieren. „Die Treffen haben bereits jetzt dazu geführt, dass sich die Anbieter auf regionaler Ebene besser absprechen“, freut sich Fietze. Ganz oben auf der Wunschliste der „Regionalen“ findet sich eine ständige Abstimmung der regionalen Angebote und vielleicht eine Zusammenführung in digitaler oder gedruckter Form.

Der Medienkompetenztag

Die landesweite Plattform

Ein Mal im Jahr präsentiert sich die gebündelte Medienkompetenz Schleswig-Holsteins. Organisiert wird die Veranstaltung vom IQSH. Hier haben auch lokal engagierte Mitstreiter die Möglichkeit, ihre Arbeit auf der landesweiten Plattform vorzustellen. In diesem Jahr wird der Medienkompetenztag (30. September 2014 an der Uni Kiel) besonders die Arbeit an Kindertagesstätten und Schulen im Fokus haben. Das genaue Programm findet sich unter schleswig-holstein.de.

Aktion in der Region

Die Projekte – scout stellt vier Protagonisten vor

GERD MANZKE, HEIDE (Region West)

Sein Verein „Schnittpunkt“ ist ein echter Veteran in der Medienarbeit: Seit 1992 wirkt das Forum für Medienerziehung und politische Bildung daran, audiovisuelle Medien für Kommunikation, Bildung und Kultur zu erschließen. Vorbildlich ist der vom Verein viele Jahre lang regelmäßig erstellte „MEiER“-Newsletter zu wichtigen Mitteilungen rund um das Thema Medienkompetenz.

JÖRG PAYSEN, HUSUM (Region Nord)

Als gelernter Radio-Fernseh-Techniker und umgeschulter Erzieher hat der Leiter der „Elternschule Nordfriesland“ eine natürliche Affinität zu Medienkompetenzthemen. Jörg Paysen ist auch einer von zahlreichen Eltern-Medien-Lotsen. In der Elternschule, die Erziehungsberechtigten die „elterliche Sicherheit“ wiedergeben soll, wird immer wieder über Mediennutzung diskutiert: „Wenn wir einen Kurs zur Pubertät geben und über das Thema ‚Grenzen ziehen‘ sprechen, kommt nicht selten exzessive Internetnutzung zur Sprache.“ Oft wird aus den Erziehungskursen heraus ein Extraabend zur Mediennutzung gewünscht: „Es ist schön zu sehen, wie sich dann die Elternarbeit mit der Medienarbeit vernetzt.“

PATRICK SCHWEDLER, LÜBECK (Region Ost)

Der Pädagoge hat sein Hobby – das Filmemachen – mit dem beruflichen Alltag verbunden. Seit 2009 leitet er unter anderem das Lübecker Projekt „Film AB!“, bei dem arbeitslose junge Erwachsene innerhalb von sechs Monaten einen kinotauglichen Film auf die Leinwand bringen. Sie lernen theoretisch und praktisch die Grundlagen einer Filmproduktion: Drehbuch, Schauspiel, Regie, Licht und Produktion. „Von zentraler Bedeutung bei diesem Projekt ist es, dass die jungen Menschen die Arbeiten während der gesamten Produktionsphase eigenständig durchführen und am Ende ein Produkt entsteht, von dem sie sagen können: Das ist unser Film! Das haben wir geschafft!“, sagt Schwedler. Die inzwischen neunte Auflage des Projektes wird vom Jobcenter Lübeck finanziert – Träger ist „IN VIA Lübeck e. V.“

ANJA HELLMUTH, KIEL (Region Mitte)

Laut Lehrplan sind eigentlich alle Schulen verpflichtet, Medienkompetenz als Querschnittsaufgabe zu vermitteln. Doch manche Schulen tun sich durch besonderes Engagement hervor. So auch die Humboldt-Schule in Kiel mit ihrem „SchulMedienTag“. „Für alle Klassen gibt es dann tolle Referate oder Aktionen“, sagt Organisatorin Anja Hellmuth. Eingeladen werden externe Experten für die jeweiligen Themen – vom sicheren Chatten bis zum legalen Download, von der „Abzocke im Internet“ bis zu „Mein Chef ist auch bei Facebook!“. „So ein Tag bleibt den Schülern lange im Gedächtnis“, sagt Anja Hellmuth.


Dieser Artikel ist in der scout-Ausgabe 2/2011 erschienen.

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