Antifeminismus ist im Kern immer antidemokratisch

Sexualpädagogin Miriam Scheibe von „Pinkstinks“ erklärt im Gespräch mit scout,wie die neue Rechte tiktokt, wenn es um junge Menschen geht.


Mädchen wollen backen, Jungs eine Rolex am Arm …
Wir beobachten eine eindeutige Zunahme von Social-Media-Inhalten, die traditionelle Geschlechterrollen zum Trend erklären: Mädchen beim Schminken und Backen, Jungs im Fitnessstudio, in schnellen Autos – Klischees, die tief verankert sind. Dieses Bild von Familie und Beziehungen, das ausschließlich auf Heteronormativität beruht, finden wir in fast allen autoritären Gesellschaften. Es geht mit der Einengung von Lebensweisen einher, insbesondere der geschlechtlichen Diversität.

Die Rechte will die Rolle von Männern stärken. Auf TikTok und Instagram sind Frauen aber sehr präsent.
Auch Frauen gehen wählen! Sie sind eine wichtige Gruppe an der Urne. Bei den Rechten, die eher von Männern gewählt werden, gibt es eine Lücke, die mit diesen Angeboten gefüllt werden soll. Präsente Frauen sorgen für Anschlussfähig- keit, was wieder an den verankerten Rollenbildern liegt: „Wenn es eine Frau sagt oder tut, kann es nicht so aggressiv sein!“, so eine häufige Annahme. Die verkennt die Gefahr, die auch von weiblichen rechten Politikerinnen ausgeht. Frauen können, wie Männer, sexistisch und unsolidarisch sein und rechte, menschenfeindliche Politik machen. Laut Leipziger Autoritarismusstudie 2024 sind Frauen genauso empfänglich für rechte Inhalte wie Männer.

Eine Variante des Antifeminismus im Netz sind „Tradwife“-Influencerinnen. Was hat es mit ihnen auf sich?
Die „traditionellen Ehefrauen“ kommen harmlos im 1950er-Jahre-Gewand daher. Backen, kochen, basteln mit den Kindern. Sie gehen nicht arbeiten, der Mann ist erfolgreich. Sie schreien zwar nicht laut: „Du musst mit 20 heiraten und unpolitisch sein!“ Aber sie suggerieren es. Ein verlockendes Angebot in einer von Krisen gebeutelten Zeit!

Wer sind die „Stay at home girlfriends“? Das klingt ähnlich.
Die sind moderner, dünn, weiß und die Partnerinnen eines erfolgreichen Mannes, die ein angenehmes Leben ohne große Anforderungen führen. Der Mann verdient das Geld, sie geben es aus. Die Selbstdarstellung ist voller Wohlstand und Leichtigkeit.

Stehen diese Influencerinnen nun alle unter Verdacht, rechts zu sein?
Natürlich nicht! Aber das alles führt in Richtung Entmündigung von Frauen. Laut sein, sich Platz schaffen, ist hier nicht vorgesehen. Es gibt zwei Geschlechter mit fester Rollenverteilung, null Raum für Diversität. Das Mann-Frau-Denken findet sich in immer mehr Ausprägungen: Neben „Feminine energy coaches“, die den Weg zur angeblich „wahren Weiblichkeit“ weisen, gibt es auch „Male energy coaches“, die jungen Männern zeigen, wie man sich im Leben vermeintlich durchsetzt. Dabei werden viele Bereiche gekapert, die für sich völlig harmlos sind: Sport, Horoskope, Naturverbundenheit.

Was ist die „Manosphere“?
Das ist der Sammelbegriff für antifeministische und offen frauenfeindliche Räume im Internet und den sozialen Medien. Die „Manfluencer“ geben sich als Männerrechts-Aktivisten, predigen Fantasien von männlicher Vorherrschaft. Sie sagen: „Wir sind die Unterdrückten, wir müssen uns die Männlichkeit zurückholen.“ Das richtet sich an junge männliche Jugendliche, die sich in der Pubertät neu orientieren und empfänglich für klare Rollenvorgaben sind. Unverfängliche Themen wie Sport Oder Ernährung sind Einfallstore, die nach wenigen weiterführenden Klicks zu antifeministischen, völkischen bis rechtsextremen Inhalten führen. Botschaften wie „Du willst eine Freundin – dann werde ein echter, also rechter Mann“ versprechen Handlungssicherheit und Erfolg.

Wieso fixiert sich die Rechte so sehr auf Feminismus?
Über den Antifeminismus kann die Rechte viele demokratische Grundsätze und Errungenschaften wie das Recht auf Selbstbestimmung und Gleichheit angreifen. Kurz gesagt: Antifeminismus ist im Kern immer antidemokratisch!

Rechte sagen: „Frauen schützt, wer Ausländer abschiebt“…
Hier wird erst ein Zerrbild geschaffen – der frauenfeindliche Migrant – vor dem die deutsche Frau dann gerettet werden müsse.

Letzte Frage: Was sollen wir tun?
Wir brauchen viel mehr politische Bildungsarbeit, sie ist essenziell als Prävention. Konkret braucht es viel mehr Arbeit mit Jungen an den Schulen. Wenn Schüler den Manfluencer Andrew Tate feiern, der ein verurteilter Gewalttäter ist, hilft es nicht zu sagen: „Das ist schlimm, so was sollt ihr euch nicht anschauen!“ Wir müssen Empathie aufbringen für junge Menschen, sie nicht abstempeln, wenn sie einem rechten Trend auf den Leim gehen. Es ist nicht leicht, jung zu sein in dieser unübersichtlichen Welt! Lehrende müssen auf der Bedürfnisebene nachfragen: „Was spricht euch an, und warum?“ In der Schule muss einfach mehr über Themen wie Männlichkeit, Familie, Liebe, Freundschaft und Sexualität geredet werden!