Der Rechts-Wisch
Jugendliche – selbst Kinder – kommen auf Plattformen und in sozialen Medien immer öfter mit rechtsextremen Inhalten in Kontakt. Nur wer die Strategien der rechten Akteur*innen erkennt, kann sich dagegen wehren.
Der Instagram-Post zeigt eine junge Frau im Trachten-Dirndl: „Heimatliebe ist tragbar“. Sie bekommt dafür 1.604 Likes. Mode-Content? Von wegen: Schon beim zweiten Kommentar geht es national zur Sache: „Ihr seid tolle deutsche Mädels. Es freut mich […] mit welchem Ehrgeiz ihr euch für unsere Heimat, ungeborenes Leben und für das echte Feminine einsetzt.“ Neben den Hashtags #heimatliebe und #dirndl steht #lukreta. Der Account dahinter nennt sich „Unabhängige Initiative junger Frauen“. Eines seiner Ziele ist: „Ausländer raus!“
Es ist ein Beispiel von vielen, wie rechtsextreme Influencer*innen junge Nutzer*innen erst mit unverfänglichen Inhalten locken, um sie dann auf kurzem Weg in eine Welt demokratie- und menschenfeindlicher Ideologien zu ziehen. Das Internet ist – auch – eine Anwerbestelle für zukünftige Rechtsextreme geworden: Wer heutzutage auf digitalen Spiele-Plattformen wie zum Beispiel „Steam“ oder auch in sozialen Medien unterwegs ist, kann schnell und unerwartet seinen persönlichen Rechtsrutsch erleben.
Die Bildungsstätte Anne Frank (BSAF) hat 2024 in einer Großen Analyse die Reichweiten rechter Creator*innen ermittelt: „Die Ergebnisse sind erschreckend: Die Rechten haben sich mit einfachen, schnell produzierten und gleichzeitig perfide wirksamen Inhalten im Netz breitgemacht“, sagt Sprecher Leo Fischer.
Das betrifft auch schon Kinder und Jugendliche: Die stoßen in ihren Feeds und Timelines auf Influencer*innen, die trendige Themen kapern und angesagte Formate nutzen, um ihre antidemokratischen Inhalte zu verbreiten. Hinter harmlos wirkenden Beiträgen zu alltäglichen Themen wie Naturschutz oder Fitness verstecken sich rechte Anbiederungsversuche. Viele der rechten Posts wirken sowohl nach außen – als Portal zum Eintritt ins „Deutsche Haus“ – wie auch nach innen und als Selbstvergewisserung untereinander: Wir sind überall, wir erkennen uns.
Jugendliche wachsen in eine Welt voller Krisen hinein. Die Erwachsenen, ihre Vorbilder, wissen oft selbst keinen Rat. Und weil Kinder immer früher digitale Medien nutzen, kommen sie immer früher mit extremen Ansichten in Kontakt – auch mit linken oder islamistischen. Die Extremisten locken mit einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, mit Gemeinschaft und Abgrenzung. Von den maskierten rechten Inhalten, die Jugendliche ansprechen, führen ausgelegte Spuren zu Konten, die offen völkisch sind.
Hier gibt es verkürzte politische Lösungen, vergifteten Humor und jede Menge Abwertung von Minderheiten. Die Inhalte seien für Suchmaschinen optimiert, sagt Leo Fischer: „Wenn Schüler*innen auf TikTok Material für Hausaufgaben suchen – und genau das tun sie –, bekommen sie mit großer Wahrscheinlichkeit Clips der AfD zu sehen. Die produzieren als ‚Schrotschuss-Taktik‘ in großen Mengen Clips, um genau das zu erreichen.“
So werden gezielt Inhalte mit pauschaler Ausgrenzung und Abwertung ganzer Bevölkerungsgruppen in der Zielgruppe „junge Leute“ verbreitet. Herkunft, Geschlecht oder Religion werden zum Anlass genommen, um Teile der Bevölkerung zu verunglimpfen oder zu verhetzen.
Manche Inhalte sind so böse, dass es einem den Atem verschlägt: Da werden zum Beispiel KI-generierte Bilder gepostet, auf denen eine junge blonde Frau in Wehrmachtsuniform ein Backblech mit Plätzchen in Form eines Davidsterns in den Ofen schiebt.
Ziel der rechten Netz-Demagogen ist, das „Fenster des Sagbaren“ immer weiter nach rechts zu verschieben.
Das betrifft dann auch große Zahlen „echter Menschen“: Die werden letztlich nicht nur im Netz angefeindet, sondern spüren die Folgen des digitalen Hasses ganz konkret im Alltag. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz steigen rechtsextreme Gewalttaten stetig an. Ebenso die Zahl derer, die sie begehen. Das Perfide: Mit den rechten Inhalten werden Klicks produziert, wird also richtig Geld verdient. Was auch Trittbrettfahrer animiert, denen die Gesinnung egal ist, solange die Kasse stimmt.
Wie schnell Jugendliche durch rechte Netz-Strategien radikalisiert werden, konnte Zoe Mittag, Sozialarbeiterin aus Bad Oldesloe, die für das Jugendaufbauwerk mit Berufsschüler*innen zum Beispiel Sozialkompetenztraining durchführt, schon einige Male aus nächster Nähe beobachten: „Bei Streit in der Gruppe gab es plötzlich Anfeindungen und Wut gegen Andersdenkende oder Andersaussehende. Unterlagen wurden mit rechten Symbolen beschmiert, es kam zu Vandalismus.“ In Einzelgesprächen erfuhr sie, dass rechte Inhalte in sozialen Medien anstachelnd gewirkt hatten. Einige Schüler*innen drifteten endgültig nach rechts, mit anderen blieb sie im intensiven Gespräch: „Meist ging es um Inhalte auf TikTok, über die wir dann immer sehr lange gesprochen haben.“ Oft habe der Algorithmus von TikTok rechte Inhalte in die „Timeline“ gespielt: Einmal geliked, kommentiert oder schlicht nur bis zu Ende angeschaut – und schon sahen die Schüler*innen mehr ähnliche Inhalte.
Zoe Mittag begann, sich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen, schrieb sogar im Selbstverlag ein Buch zum Thema. Aus ihren Erfahrungen und Recherchen filterte sie ein paar Schlussfolgerungen: „Erwachsene sollten nachfragen – am besten erst einmal, ohne gleich zu bewerten, und auch ein bisschen neugierig. Denn die Schüler*innen reden gerne über die Inhalte, die sie sich anschauen. Sie wollen ihre Erfahrungen teilen und dazu ins Gespräch kommen. Das ist eine Chance, die Eltern und Lehrer*innen nutzen sollten!“ Von den Schulen und der Jugendarbeit wünscht sie sich „viel mehr Angebote zum Problemfeld Extremismus im Speziellen und zur Medienkompetenz im Allgemeinen“, verlässlich und für alle: „Gerade in der breiten Jugendarbeit ist das, soweit ich es überblicken kann, noch nicht vorgesehen.“ Eltern jüngerer Kinder sollten unbedingt die vorhandenen Jugendschutzeinstellungen auf den Geräten der Kinder nutzen und gemeinsame Nutzerkonten anlegen: „So bekommen sie ein Gefühl, wo und wie sich der Nachwuchs im Netz bewegt.“
Das Umfeld hat es da schwer: Diese Online-Radikalisierung ist kaum von außen zu beobachten.
Leo Fischer von der Bildungsstätte Anne Frank fordert, neben aller wichtigen Prävention, auch den aktiven Einsatz für die Demokratie auf den Plattformen selbst: „Zum Beispiel in Form von Gegenrede oder verstärktem Löschen, von Blockieren und Melden problematischer Accounts oder Inhalte. Aufklärung muss in den Medien selbst passieren, dort, wo der Schaden entsteht.“ Und nicht immer nur als ein „Dagegen“: „Nutzerin*innen und auch Creator*innen sollten selbst auf den Kanälen für Demokratie werben und eigene starke Inhalte anbieten.“