Extreme Welle aus dem Netz

Was erleben Schüler*innen konkret im Netz – und wie gehen sie mit den digitalen Strategien der Rechten um? scout hat mit Johannes, Theo und Rhea gesprochen.


Johannes, 16, ist als Erster da, dann trudelt Rhea, 18, ein. Und kurz darauf auch Theo, 17. In der Sofaecke der „Alten Brotfabrik“ in Hamburg-Eimsbüttel wollen wir gemeinsam über „rechtsextreme Inhalte im Netz“ sprechen. Die drei kennen sich nicht. Kleine Vorstellungsrunde: Johannes geht im Hamburger Nordosten aufs Gymnasium, 11. Klasse, spielt Basketball und jobbt in der Firma seines Vaters. Er ist bei Insta, TikTok, Snapchat unterwegs. Facebook und X nutzt er nicht. Rhea hat 2025 Abi gemacht im Hamburger Westen und überlegt, wie es weitergehen soll. Sie ist gern auf dem Land, reitet und nutzt Insta und WhatsApp: „TikTok will ich meine Zeit nicht opfern.“ Theo geht wieder zur Schule, auf eine höhere Handelsschule. Vorher hat er sechs Monate FSJ gemacht am Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte. Er nutzt TikTok, Insta und „viel X, aber ich gucke nur durch“. Etwa zwei bis vier Stunden pro Tag verbringen die drei im Netz.

scout: Was sind für euch „rechte Themen“?
Johannes: Rassismus Theo: Homophobie, Nationalismus Rhea: Sexismus …

Klimapolitik?
Johannes: Leugnen des Klimawandels …?

Und das Familienbild?
Theo: Das fällt ja unter Homophobie und Sexismus. Angestrebt wird ein junges heterosexuelles Paar mit zwei Kindern. Da gibt es zig Accounts, die uns das schmackhaft machen wollen. Die Mädchen laufen in so Retro-Kleidern und mit geflochtenen Zöpfen durch die Wiesen. Das traditionelle Familienbild wird da total idealisiert.

Wann seid ihr das erste Mal selbst über was Rechtes gestolpert?
Theo: Also, dass es „Rechte“ gibt, wusste ich vor dem Rechtsruck, auch vor Social Media. Mir war aber die Bedeutung nicht bewusst, weil ich nicht politisch interessiert war. Jetzt ist das anders. Durch einen Freund, der politisch ist – und bestimmt auch durch die Lage. Rhea: Ich war schon in der 8. Klasse politisch interessiert, war auf Klima-Demos. Bewusst beschäftige ich mich damit seit ein, zwei Jahren. Ich stolpere ständig über rechte Inhalte, nicht nur im Netz. Johannes: Das ist bei mir auch so. Selbst drüber gestolpert bin ich an meiner eigenen Haustür: Da hingen „FCK AFD“-Aufkleber. Plötzlich waren die weg. Dann hingen sie wieder. Dann hat jemand das „FCK“ weggemacht … Und ich bin mehr unterwegs, sehe die Unterschiede in den Stadtteilen.

Manche Netzinhalte sind klar rechts, manche versteckter. Es gibt Codes und Symbole – wie bemerkt ihr, ob etwas rechts ist?
Rhea: Natürlich am Inhalt, aber etwa auch in der Kommentarfunktion: Da werden die am häufigsten verwendeten Emojis schon vorgeschlagen. Wenn das erste dann ein blaues Herz ist …

… das steht für die AfD …
Rhea: Genau. Und wenn da eine Traube vorgeschlagen ist …

Eine Traube?
Rhea: … ja, die „Grape“ wird von rechts benutzt als Symbol für „Rape“, also Vergewaltigung, ganz allgemein für Gewalt an Frauen. Johannes: Krass, das kannte ich nicht! Und man kann es nicht anzeigen, weil die Person ja nur ein Obstsymbol benutzt hat …

Als symbolische Frucht ist auch die Kiwi bekannt …
Theo: Ja, für Transphobie, die Kiwi ist anscheinend klar abgegrenzt, hat männliche und weibliche Teile. Seid ihr auch den zwei Blitzen begegnet? Rhea und Theo: Klar – SS. Johannes: Ich bin da überhaupt nicht so drin. Ich kenn nur 88. Rhea: Zahlen sind ein großes Feld …

Welche kennt ihr noch?
Rhea: 191 für SA, 161 für die Antifa und eben 1161 für die Anti-Antifa. Man lernt das durchs Netz, in Kommentaren und Beiträgen. Und im echten Leben ist das fast noch präsenter: gesprayt oder auf Stickern. Auf dem Weg zum Reiten habe ich neulich einen Sticker gesehen mit einer Familie unter einem Regenschirm, darüber ist ein Regenbogen. Also ein Abschirmen gegenüber Diversität … Theo: Den kenn ich: Das ist ein „Der Dritte Weg“-Aufkleber. Johannes: Krass – kenn ich alles nicht! Theo: Und in X-Kommentaren ist häufig das Hello-Emoji, das den Arm hebt – für den Hitlergruß.

Ändern sich die Codes? Gibt es da Trends, die Erwachsene gar nicht mehr schnallen? Kommt ihr da hinterher?
Johannes: Ich komm hier grad schon nicht hinterher. Ich nutze aber TikTok und Insta vielleicht anders. Meine Themen da sind mehr Sport, viel Musik. Politik nur für Demos oder so. Theo: Ich komme da noch mit. Mich interessiert das, wie sich das entwickelt. Es gibt wie gesagt zig Zahlen – 141, 131 … Die werden mit Pluszeichen kombiniert, und für Leute, die keine Ahnung haben, sieht das aus wie ’ne Matheaufgabe. 141 plus 1161 plus … das sind rechte Kommentare.

Begegnet ihr auch anderen rechten Stilmitteln: Spötteln, Erniedrigen …
Johannes: Mich nervt, dass das auch im Mainstream passiert: Wenn jemand schreibt: „Ey, du Downie“, so als Gag, dann ist das nicht lustig. Rhea: Dadurch, dass sich viele online so sicher fühlen und keine Folgen erfahren, sieht man das viel. Schon bei nicht normschönen Menschen: Die werden dann mit hämischen GIFs oder Kommentaren überzogen. Aber ich bin auch nicht sicher, ob das immer vorsätzlich rechts ist. Theo: Konkret rechtem Niedermachen bin ich neulich begegnet: Es gibt einen Politiker mit Sprachbehinderung, und die Kommentare unter seinen Posts fand ich krass: Die hatten gar nichts mit dem zu tun, was er sagt, sondern es wird sich über seine Behinderung lustig gemacht, hart beleidigend, und so ein Entmenschlichen als Humor verpackt.

Hat euch schon mal jemand kontaktiert, also seid ihr direkt angeschrieben worden?
Theo: Nee, das passiert eher in der Gaming-Szene.

Rhea, du hast gesagt, dass es keine Konsequenzen gibt für rechte Inhalte oder Kommentare. Vieles könntet ihr anzeigen bei den Plattformen. Macht ihr das?
 Rhea: Das bringt nichts. Ich melde das oft, aber es funktioniert nie. Nach ungefähr einer Woche bekommt man einen Standardbericht: „Wir haben den Kommentar nicht gelöscht, Sie können die Person blockieren.“ Also danke für nichts! Selbst wirklich klar rechtsextreme, menschenfeindliche Kommentare werden nicht gelöscht. Johannes: Genau die Erfahrung habe ich auch gemacht. Ich will ja aber gar nicht für MICH die Person blockieren, ich will, dass diese Person den Quatsch nicht weiter auf der Plattform verbreitet. Theo: Kann ich nur bestätigen. Und das gilt auch für ganze Accounts. Ich gucke mir bewusst auch rechte Accounts an, weil ich irgendwie kapieren will, wie die drauf sind. Da gibt es welche, die ausschließlich antisemitische Inhalte verbreiten. Total verfassungsfeindlich. Und die existieren seit Jahren und haben scheinbar nie Konsequenzen tragen müssen. Ich melde das nicht mehr, weil ich weiß, dass nichts passiert. Es kümmert sich keiner. Ich erlebe Insta und X als eine Bubble, in der sich Nazis ungestraft ausleben können.

Auf TikTok auch, oder?
Theo: Vielleicht sind die Rechten da sogar aktiver, aber TikTok erlebe ich moderierter.

Machen euch Rechtsruck und unkontrollierte Räume im Netz Angst?
Rhea: Ich würd schon sagen: Mir macht das Angst. Und dadurch schaue ich mehr hin, und durch das Hinschauen wird es erst mal nicht besser mit der Angst. Außerdem bleibt es ja nicht im Netz, wir erleben es ja in der Wirklichkeit.

Du meinst Sticker, gesprayte Codes?
Rhea: Nicht nur. Sobald man aus dem Großstadtkern rauskommt, wird es intoleranter. Als ich mit meiner Freundin in einem Vorort Hand in Hand zum Bus gelaufen bin, hat jemand eine halb volle Bierflasche in unsere Richtung geworfen. Galt die uns? In Heide haben Männer unseretwegen aus dem Auto den Hitlergruß gemacht und Nazisprüche gegrölt … Das würde ich als rechte Gewalt einordnen. Rhea: Ja. Ich kann mir immerhin aussuchen, wie ich mich in der Öffentlichkeit zeige. Andere können das nicht! Theo: Ähnlich bei mir: Ich bin privilegiert, weil ich optisch kein Feindbild darstelle. Aber jeder sollte in dieser Sicherheit leben dürfen. Am meisten Sorgen macht mir, dass es den Rechten gelingt, Menschen gegen Migrant*innen zu mobilisieren. Das Schuldzuschieben, das gelingt leider sehr gut – und besonders auf Social Media. Johannes: Direkt Angst habe ich nicht. Hamburg ist natürlich auch eine super Bubble. Aber was, wenn alle noch frustrierter und radikaler werden?

Ihr seid bei dem Thema reflektiert und informiert. Seid ihr typische Exemplare eurer Jahrgänge?
Theo: Eher nein. In meiner jetzigen Klasse interessiert sich kaum jemand für Politik. In meiner alten Klasse war es etwas besser.

Checken eure Lehrer die Gaming-Szene, rechtsextreme Codes und Netz-Strategien?
Theo: Nee, null. Johannes: Glaube auch null. Rhea: Nee. Vielleicht gibt es Einzelne.

Also war es auch nie im Unterricht Thema?
Johannes: Das würde zu PGW [das Fach „Politik/Geschichte/Wirtschaft“, Anm. d. Red.] gehören, aber da hatten wir das nicht. Bei uns war es der Mathelehrer, der nach dem Tod von Charlie Kirk wissen wollte, was wir dazu denken. Also random jenseits des Lehrplans. Ich fand das gut, dass ihn das interessiert. Theo: An meinen Schulen war es auch gar nicht Teil des Unterrichts Rhea: Ähnlich bei mir: Aber wir haben mal einen Internet-Führerschein gemacht … Johannes: Stimmt, Cyber-Mobbing und so …

Sollte der vielleicht ausgeweitet werden?
Johannes: Wäre sinnvoll. Da gehört das eigentlich dazu. Theo: Absolut. Zumal es ja nichts mit unhöflichen Meinungen zu tun hat, sondern mit Hetze, Diskriminierung, Demokratie. Rhea: Vielleicht bräuchte es mehr – einen Demokratieführerschein? Theo: Aber nicht nur die Schulen sind in der Pflicht, sondern auch die Plattformen. Also verfassungsfeindliche Inhalte müssen endlich gelöscht werden!