Der Kuchen sieht lecker aus.
Aber was soll die Rune aus Sahne?

Medienpädagogin Pamela Heer von klicksafe hat die Elternbroschüre „Zwischen Trend und Tarnung“ zu rechtsextremen Online-Strategien erarbeitet. Sie erzählt uns, was Backen und Fitnesstraining mit völkischem Gedankengut zu tun haben können. 


Warum sind Rechtsextreme so aktiv im Netz? 
Soziale Medien bieten eine perfekte Plattform für Rechtsextreme, um mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Junge Menschen sind viel in sozialen Medien unterwegs. Sie befinden sich mitten in ihrer Entwicklung, haben vielleicht Probleme mit ihren Eltern oder mit anderen Jugendlichen. Und sie sind offen für neue Ideen. In dieser Lebensphase verfestigt sich aber auch ihre Sicht auf die Welt. Das macht sie besonders vulnerabel. Und rechtsextreme Aktivitäten im Netz zielen genau darauf ab. Auf Social-Media-Kanälen werden sie schnell mit menschenfeindlichen Positionen und rechtsextremer Ideologie konfrontiert. Rechtsextreme sprechen Jugendliche dort mit deren eigenen, lebensweltnahen Themen an, um ihre demokratiefeindlichen Botschaften zu normalisieren und zu verbreiten. 

Pamela Heer ist Referentin für Medienkompetenz bei der Initiative klicksafe.de, die von der EU finanziert wird.

Wie funktioniert die Kontaktaufnahme von rechts? 
Sie erfolgt insbesondere online, über verschiedene Wege. Die erste Kontaktaufnahme findet häufig auf den bei Jugendlichen beliebten Social-Media-Plattformen statt. Auch Gaming ist ein großes Feld, auf ganz verschiedenen Ebenen: Zum einen erstellen Rechtsextreme eigene Spiele mit volksverhetzenden Inhalten. Zum anderen modifizieren und kapern sie bestehende Games mit rechtsextremen Aktionen – zum Beispiel mit Holocaust verleugnenden „Erlebnissen“ auf der Plattform „Roblox“. Die direkte Kontaktaufnahme mit meist Männlichen Jugendlichen erfolgt über In-GameChats, wo die Grenzen mit markigen Sprüchen oder „krassen Memes“ ausgetestet werden. Wer darauf positiv reagiert, wird in geschlossene Gruppen auf den Online-Diensten Discord oder Telegram eingeladen. Hier kann die Radikalisierung unbeobachtet beginnen: Es wird gegen Menschen anderer Herkunft, Hautfarbe oder Religion und ganz allgemein gegen Andersdenkende gehetzt. 

Welche Strategien gibt es noch? 
Rechtsextreme greifen aktuelle Trends auf, die gut in ihre Weltanschauung passen. Die Trends werden durch die mediale Aufbereitung zum Beispiel auf TikTok oder Instagram instrumentalisiert: junge Influencerinnen, die Themen wie Kochen und Backen nutzen, um ein Bild von Frauen zu erzeugen, die auf ihre mütterlichen und häuslichen Pflichten reduziert werden, ist ein gutes Beispiel. Das zielt auf ein vermeintlich traditionelles Familienbild mit dem Mann als Versorger ab, in dem Frauen sich um Küche und Kinder kümmern und eher emotionale Kompetenzen zugesprochen werden. Ein anderes Beispiel: Männliche Fitness-Influencer, die auf den ersten Blick einen sportlichen Lebensstil propagieren, haben als eigentliches Ziel die „Wehrhaftigkeit“ des deutschen Mannes. Um es klar festzuhalten: Kochen ist nicht „rechts“, Sport auch nicht. Aktuelle Trends werden aber genutzt und umgedeutet, um neue Zielgruppen zu erreichen. Die Jugendlichen erkennen das oft nicht auf den ersten Blick, bauen Sympathien auf: „Cool, was für schöne Kleider die trägt! Was für tolle Kuchen die backt!“ Völkische Symbole an der Wand, Sahnespritzer in Runenform: Das wird übersehen. Doch was in solchen Fällen privat und harmlos wirkt, wie ganz persönlicher Influencer-Content, ist sorgfältig kuratiert. 

Was kommt besonders gut an? 
Rechtsextreme nutzen audiovisuelle Formate, da diese gut bei Kindern und Jugendlichen ankommen: also Memes, Storys und Reels, die kurz und pointiert sind. Oder Musik, gerne als „Lipsync“-Posts auf TikTok. Rechtsextreme appellieren damit an Gefühle, oft auch an die Angst der Nutzer*innen. Gefühle wirken stärker als Fakten! Soziale Medien sind wie gemacht für Inhalte, die verkürzen und polarisieren. Davon profitieren die oft sehr einfachen, zugespitzten rechtsextremen Aussagen. 

Welche Rolle spielt Humor bei rechtsextremen Inhalten? 
Das Mittel des Humors verwenden Rechtsextreme sehr häufig. Bei Memes mit Katzenbildern zum Beispiel, die beim genaueren Hinsehen das N-Wort bilden. Oder bei Bildern von Männern, die als sehr verweiblicht dargestellt werden, als bewusste Strategie zur Ablehnung des Feminismus. Da bekommt man viel Wirkung für wenig Aufwand: Abwertende Memes sind per KI schnell generiert und gehen auch schnell viral. Sie können so zu einer Normalisierung menschenfeindlicher Narrative beitragen. 

Woran erkennt man rechtsextreme Inhalte? 
Angepasst auf die Plattformen, werden Inhalte mal harmlos verpackt oder offen menschenfeindlich verbreitet. Damit die Inhalte harmlos daherkommen, nutzen sie oft eine codierte Sprache. Auch wenn die Inhalte teilweise so harmlos wie möglich wirken, enthalten sie doch beim näheren Hinsehen regelrechte „Zugehörigkeitsmarker“, an denen sich die Rechtsextremen untereinander erkennen. Das können Zahlenfolgen sein, die für Abkürzungen stehen: „18“ für „AH“, also Adolf Hitler. Oder Emojis wie das Milchglas, das für „weiße Vorherrschaft“ steht. Mithilfe solcher Codes kann im Übrigen auch die Löschung von Inhalten auf den Plattformen umgangen werden. 

Ab welchem Alter sind Jugendliche rechtsextremen Inhalten ausgesetzt?
Viele Studien zeigen, dass die Mediennutzenden auf den Plattformen immer jünger werden. Da ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch schon jüngere Kinder rassistische Memes geschickt bekommen oder auf Verschwörungserzählungen stoßen.

Soziale Medien sind wie gemacht für verkürzte Inhalte.

Pamela Heer

Ist den Eltern klar, was da läuft?
Im Detail wird es den meisten nicht klar sein, was alles für Risiken im Internet lauern. Es gibt viele sich sorgende und besorgte Eltern. Aber natürlich gibt es auch viele, die die Kinder ohne Regeln und Austausch im Internet surfen lassen. Wichtig ist, dass sich Eltern selbst einen Überblick über die Online-Risiken wie Rechtsextremismus im Netz verschaffen. Denn nur wenn sie selbst gewappnet sind, dann können sie ihr Wissen an ihre Kinder weitergeben und Online-Inhalte kritisch hinterfragen. Wir empfehlen, dass Eltern sich die Online-Welt ihrer Kinder zeigen lassen, um so miteinander ins Gespräch darüber zu kommen. Neben dem Elternhaus ist die Schule ein wichtiger Ort, wo proaktiv Themen wie Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit angesprochen werden müssen. Gerade im Klassenchat messen sich die Jugendlichen, wer die „besten“ Memes versendet, und dann kommen Memes mit Adolf Hitler oder anderen rassistischen Bildern zum Vorschein. Das muss auch in der Schule thematisiert werden! In Schulen ist oft die Hürde, dass sich Lehrkräfte nicht an das Thema herantrauen, weil es sehr sensibel und auch heikel sein kann. Daher bereiten wir Unterrichtsmaterialien vor, die Lehrkräften ermöglichen, einen leichten Einstieg zu finden, und zeigen Methoden und Inhalte, die sie direkt in den Unterricht integrieren können. 

Erkennen Jugendliche demokratiefeindliche Inhalte? 
Die aktuelle JIM-Studie zeigt, dass Jugendliche von 12 bis 19 Jahren regelmäßig mit falschen, hasserfüllten oder extremen politischen Inhalten konfrontiert wurden – sie nehmen solche Inhalte also durchaus wahr. Andererseits zeigen weitere Studien, dass die Jugendlichen oft ihre Kompetenz überschätzen, gefälschte Inhalte zu enttarnen. Sie finden zwar problemlos Informationen im Internet, fühlen sich aber oft nicht in der Lage, deren Qualität zu beurteilen. 

Was ist jetzt zu tun? Wie können wir da effektiv gegensteuern?
Da sind wirklich alle in der Pflicht! Das gilt nicht nur für Eltern und Schule, sondern auch für die Plattformen, die Inhalte zugänglich machen. Und auch für die Politik. Jugendliche und Erwachsene müssen wissen, dass sie bedenkliche Inhalte melden können. Das geht direkt bei den Social-Media-Diensten. Oder bei der internet-beschwerdestelle.de sowie bei jugendschutz.net. Und: Influencer*innen sollten sich ihrer Verantwortung bewusster werden. Sie haben oft eine größere Reichweite als große Tageszeitungen und können sie nutzen, um sich für die Demokratie einzusetzen. Auch wir Erwachsene und die Jugendlichen selbst können aktiv für die Demokratie werden: durch Gegenrede oder eigene Video-Kampagnen auf den Social-MediaPlattformen. Es darf nicht sein, dass Demokrat*innen leise bleiben, wenn die kleinere Gruppe der Rechtsextremen vermeintlich so laut ist!