Ausstieg

„Jetzt guckst du schon wieder in dein blödes Handy!“

Tillmann Prüfer, 47 Jahre, ist Mitglied der Chefredaktion des ZEITmagazins, dem Magazin der Wochenzeitung DIE ZEIT. Dort schreibt er eine Kolumne über seine vier Töchter. Kürzlich ist von ihm das Buch „Jetzt mach doch endlich mal das Ding aus“ über das Leben mit Kindern – und ihren Smartphones – erschienen (Kindler Verlag).

Juli, meine Jüngste, ist sehr eifersüchtig auf etwas – das mir offenbar sehr wertvoll ist. Ich bin scheinbar sehr besorgt darum. Ich streiche ständig mit meinen Fingern darüber. Ich bin dauernd darum bemüht, dass es gut versorgt ist. Ich trage es ständig durch die Wohnung. Und wenn ich einen Moment lang nicht weiß, wo es ist, dann werde ich sehr nervös. Es bekommt eben alle Aufmerksamkeit. Es handelt sich dabei aber nicht um ein Baby, sondern um ein elektronisches Gerät: „Jetzt guckst du schon wieder in dein blödes Handy“, schimpft meine Tochter dann.

Auf die Frage, ob Smartphones gut sind für Kinder oder weniger gut, hat meine Tochter eine sehr klare Antwort: Sie hasst sie. Zumindest, wenn andere Menschen eines haben. Und in meiner Familie besitzen alle ein Smartphone – alle, außer Juli. Meine Frau und ich haben eins, ebenso Julis Schwestern Luna (21), Lotta (15) und Greta (14). Ich habe Juli gesagt, dass sie irgendwann einmal auch eines bekäme. Wenn sie zwölf Jahre sei oder so. Was für sie heißt: „Da muss ich noch ein ganzes Leben darauf warten!“

Ich werde das ohnehin nicht durchhalten. Bis Luna
ein Smartphone bekam, war sie 16. Bei Lotta war es schon mit 14 so weit, bei Greta mit zwölf. Diese Geräte ragen immer früher in ein Kinderleben hinein. In der Klasse meiner Tochter haben die ersten Kinder nicht nur ein Smartphone, sondern auch ein Tablet und einen Laptop. Was machen die damit? Meistens schauen sie damit YouTube-Filmchen oder spielen Video-Spiele. Sie sehen dann aus wie kleine Erwachsene – und tatsächlich sehen ja alle Menschen, die sich intensiv mit Bildschirmen beschäftigen, seltsam ähnlich aus. In irgendeiner Weise angespannt und abwesend. Man darf sie nicht stören, denn alles, was man ihnen jetzt sagen würde, kann kaum so wichtig sein wie das, was sich ihnen gerade auf dem Display bietet. Es ist eine ständige Abwertung, die jemand erfährt, der mit seinen Mitmenschen sprechen, spielen, Zeit verbringen möchte. Man ist nämlich gerade nie so attraktiv wie der Monitor. Kein Wunder, dass Juli ganz direkt darauf reagiert – mit Wut.

Für diese Wut gibt es bei uns genügend Anlass. Denn sowohl meine Frau als auch ich arbeiten als Journalisten. Das tun wir normalerweise in einem Redaktionsbüro, doch während der Corona-Pandemie waren alle ins Homeoffice geschickt worden. Da saßen also Mama und Papa und sprachen zu Hause mit ihren Laptopbildschirmen und Smartphones und nicht mit Juli, die ebenfalls zu Hause bleiben musste, weil die Schule dicht war. Die großen Schwestern hingen ebenfalls über ihren Laptops, weil darin nun ihr Schulunterricht stattfand. Alle waren daheim und niemand war da. Vielleicht hat ein Kind wie Juli den klarsten Blick darauf, wie es aussieht, wenn Menschen sich mit den sogenannten Neuen Medien beschäftigen: langweilig.

Aber was sollte ich auch dagegen tun? Vor dem Jahr 2020 hatte es in unserer Familie noch so etwas Ähnliches wie eine Medien-Strategie gegeben. Meine Frau und ich sahen Smartphones als etwas an, das zum Leben dazu gehörte, das man aber von den Kindern fernhalten sollte. Das in der Familie nichts zu suchen hat. Zu Hause sollten die Handys in der Tasche bleiben, sie hatten nichts im Wohnzimmer zu suchen, hieß es, schon gar nicht im Schlafzimmer. Und dann kam Corona und alles war dahin.

Die Schulen meiner Töchter waren bis zu diesem Zeitpunkt außerordentlich medienkritisch gewesen. Man sah den Schulunterricht eher als Gegenprogramm zur Digitalisierung. Man pflegte die Schüler-Bibliothek, aber eher nicht den Computer-Pool. Innerhalb von wenigen Wochen änderte sich das völlig. Plötzlich schien die Schule es vorauszusetzen, dass jede Schülerin und jeder Schüler selbstverständlich einen Laptop und ein Smartphone zur Verfügung hat. Um damit Dateien auf Lernplattformen hochzuladen, an der WhatsApp-Gruppe der Klasse teilzunehmen, Präsentationen zu erstellen und dem Video-Unterricht zu folgen. Davor war ich froh gewesen, dass die Bandbreite unserer heimischen Internet-Leitung eher schmal war und das WLAN in den Kinderzimmern kaum funktionierte. Nun musste ich dringend alte Laptops und Tablets aufmöbeln, zusätzliche Megabits ankaufen und in jedem Kinderzimmer eine Direktauffahrt auf die Datenautobahn installieren, nur damit nicht alle Familienmitglieder ständig Nervenzusammenbrüche erlitten.

Seitdem ist unser Familienalltag voll digitalisiert. Und der Umgang mit den Medien ist noch schwieriger geworden. Denn nur, weil plötzlich alles, was in einem Kinderleben wichtig ist – Schule, Unterhaltung, Freunde treffen –, nur noch im Internet möglich ist, wird nicht alles, was im Netz stattfindet, gleich gut. Nur kann man als Elternteil das Gute vom Schlechten immer schwerer unterscheiden. An einer Klassenkonferenz oder Geschichtsstunde teilzunehmen sieht nämlich ganz genau so aus, wie eine Stunde lang „auf TikTok zu chillen“.

In der Volldigitalisierung verwandeln Kinder sich in eine Art Cyborg. Man trifft sie nur noch mit kabellosen Kopfhörern im Ohr und man weiß nicht, ob sie darauf gerade ihrer Freundin, dem Rapper Capital Bra oder ihrem Englischlehrer zuhören. Auf jeden Fall sind sie nicht ansprechbar. Der Blick ist stets auf irgendeinen Bildschirm geheftet. Man muss sich vor diesen Kindern aufbauen und mit beiden Armen rudern, um irgendwie wahrgenommen zu werden.

Viele befreundete Eltern beschweren sich zwar über den allumfassenden Digitalkonsum ihrer Kinder, gleichsam wirken sie aber auch fast erleichtert: Endlich muss man das selbst nicht mehr entscheiden. Man muss nicht mehr abwägen, welche Bildschirmzeit noch okay ist. Wie lange das Kind sich mit Candycrush oder mit Clash Royale beschäftigen darf. All dem Streit ist ein Ende gesetzt, weil man eben kapitulieren muss: Die Pandemie-Notlage erfordert es einfach, dass das Kind die ganze Zeit ein Mobilgerät oder einen Laptop bedient. Solche Eltern geben sich den sogenannten „modernen Zeiten“ geschlagen.

Ich glaube allerdings, dass dies das erste Missverständnis ist: dass daran irgendetwas „modern“ ist. Für eine Elterngeneration, die als Kind selbst noch Hörspiele auf Kassette gehört und vielleicht auf Schreibmaschinen geschrieben hat, ist das, was an Kommunikationstechniken heute verfügbar ist, sicherlich sehr erstaunlich. Für die Kindergeneration ist es das aber nicht. Sie kennen keine Welt ohne Social Media. Wenn Kinder darüber nicht staunen, sollten wir Eltern das auch nicht tun – auch dann nicht, wenn wir merken, dass unser Nachwuchs mit einer App besser umgehen kann, als wir selbst das können. Wenn ein Kind auf dem Handy eine PDF-Datei bearbeiten und vielleicht sogar ein kleines Video für TikTok schneiden kann, spricht das nicht unbedingt dafür, dass es der nächste Mark Zuckerberg wird. Eher liegt es daran, dass diese Apps heute eben kinderleicht zu bedienen sind. Nur weil etwas digital ist, bedeutet das noch nicht, dass dadurch magisches Zukunftswissen erschlossen wird. Sicher werden unter den Kids, die heute mit Computern hantieren, einige sein, die mit speziellem Software-Wissen später einmal viel Geld verdienen. Aber die allermeisten werden das nicht tun.

Und ob diese Kinder ihr Leben als bereichernd empfinden, wird davon abhängen, ob sie noch andere Welten zur Verfügung haben als jene, die man downloaden kann. Und ihnen dieses nahezubringen, das – finde ich – ist der anstrengende Job von Eltern. Die Bildschirme werden nicht mehr aus unserem Leben verschwinden. Eltern tun also gut daran, keinen Kampf gegen das eine oder für das andere Medium zu führen, sondern sich zu überlegen, welche Haltung zu den jeweiligen Medien sie ihren Kindern nun eigentlich beibringen möchten. So, dass die Kinder selbst eine Sensibilität entwickeln, ob es gerade geeigneter ist, ein YouTube-Video zu schauen oder eine Zeitung aufzuschlagen

Mir gefällt daran sehr, dass Eltern hier nicht als „Gate-Keeper“ auftauchen, die Bildschirmzeiten verwalten oder Handys wegschließen, sondern als aktive Mitgestalter. Denn um dieses Medienverhalten zu lehren, muss man es selber leben. Wenn das Kind seine Eltern selbst nie in ein Buch vertieft sieht, wie soll es dann auf die Idee kommen, dass Bücher manchmal eine sinnvolle Alternative sein können?

Eltern meinen manchmal, Medien seien eine Ablenkung von der „wirklichen“ Welt. Aber das stimmt nicht. Das allermeiste, was ein Mensch heute von der Welt weiß, nimmt er durch Medien war. Dem Kind entsprechende Medienkompetenz beizubringen, bedeutet nicht, ihm die Disziplin einzuschärfen, von vermeintlich schädlichen elektronischen Geräten Abstand zu halten. Sondern vielmehr seine Sinne zu schärfen, mit denen es die Welt wahrnehmen kann.

Mit Juli habe ich mir nun angewöhnt, morgens gemeinsam eine Zeitung im Bett zu lesen. Durch die knisternden Blätter zu wühlen, ist ein großer Spaß für sie. Juli liest die Überschriften vor und ich erkläre ihr dann, was im betreffenden Artikel steht. Und schon ist das „blöde Handy“ auf einmal weit weg. Hoffentlich ist es nicht eifersüchtig auf meine Tochter.

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