scout-Serie: Smarte Kindheit

Das Töpfchen heißt jetzt iPott

Foto: Daniel Zube

Ein Artikel von Andreas Beerlage

Kindheit ist heute so digital wie alle anderen Lebensbereiche auch. Das heißt aber nicht, dass sie deshalb weniger kindgerecht sein muss.


Wie stehen Sie zu einem Schnuller, der gleichzeitig die Temperatur des Säuglings misst? Zu einem Plastik-„Töpfchen“ mit Tablet-Halterung, das sich Digital iPotty nennt? Zu einer mit GPS ausgestatteten Kinderuhr, die eine SMS an die Eltern schickt, sobald das Kind ein festgelegtes Gebiet verlässt?

Dergleichen (und noch vieles mehr) stellte die Göttinger Medienpädagogin Sabine Eder vom Blickwechsel e.V. beim Praxistag: Medienerziehung in Hamburger Kitas im September 2018 in ihrem Vortrag „Das Digitale Kinderzimmer“ vor.

Der Vortrag von Sabine Eder zeigte deutlich: Das Internet of Things, das „Internet der Dinge“, in dem alles mit jedem vernetzt ist, hat längst auch den Nachwuchs erreicht. Einige dieser Dinge erscheinen sinnvoll, andere nutzlos. Manche sogar gefährlich: wie die interaktive Puppe „Cayla“, die über einen US-amerikanischen Server Fragen analysiert und Antworten zusammenstellt. Leider kann man sie recht simpel per Bluetooth hacken und „übernehmen“: um Kinder abzuhören oder sie auch direkt anzusprechen.

Deswegen ist Cayla auch schon wieder Geschichte, erzählt Sabine Eder: Sie wurde von der Bundesnetzagentur als „verbotene Sendeanlage“ eingestuft, mit der Anweisung an Eltern, sie zu „vernichten“. „Ich hätte diese Puppe, die auf meine Fragen antworten kann, als Kind natürlich total geliebt“, sagt Sabine Eder.

Ich hätte diese Puppe, die auf meinen Fragen antworten kann, als Kind natürlich total geliebt.

Sabine Eder

Zwiespälten begegnet man immer wieder, wenn man sich mit den Phänomenen der „smarten Kindheit“ beschäftigt. Tatsächlich üben viele der Gadgets, Spielzeuge und sonstigen Gegenstände einen großen Reiz auf Kinder (und Eltern) aus. Doch sie lassen Eltern nicht selten auch ratlos dastehen: Da gibt es einerseits „Matschhosen-Zeit“ fürs Kind, also das Spielen draußen. Auf der anderen Seite aber auch Bildschirmzeit, um die man oft auch noch streiten muss.

Viele Eltern werden im täglichen Umgang mit diesen Widersprüchlichkeiten unsicher: Wie viel Bildschirmzeit ist noch gesund? Ab wann braucht das Kind ein Smartphone? Braucht es überhaupt eins? Gehört „Künstliche Intelligenz“ ins Kinderzimmer?

Die Liste relevanter Elternfragen wäre garantiert noch viel länger – alle diese Fragen verdienen fundierte Antworten. Deshalb beginnen wir mit diesem Artikel die scout-Serie über die „Smarte Kindheit“. Über vernetztes Spielzeug, interaktive Kinderbücher, Alexa im Kinderzimmer und mehr. Jeden Monat finden Sie dazu hier einen neuen Beitrag – wer keinen davon verpassen möchte, kann sich hier für den ebenfalls monatlich erscheinenden scout-Newsletter anmelden.

Die Kinder selbst übrigens gehen heute oft schon viel souveräner mit den digitalen Aspekten ihrer Kindheit um, als Eltern denken mögen. Das legt zumindest die „Kinder-Medien-Studie 2018“ nahe, die im Auftrag großer deutscher Verlage (unter anderem Gruner + Jahr, Panini Verlag, SPIEGEL-Verlag und Zeitverlag) mehrere Tausend Kinder zwischen vier und 13 Jahren befragte. Demnach sind ihnen digitale und analoge Aktivitäten ungefähr gleich wichtig: Sie wollen laut der Studie „sowohl draußen spielen als auch digital unterwegs sein“.

Wer nun trotzdem glaubt, dass „digital“ aus Kindersicht „draußen“ immer schlägt, der sollte den Blog des britischen Kindheitsforschers Tim Gill lesen, insbesondere den Eintrag vom 13. Dezember 2017. Er machte eine erstaunliche Beobachtung, als über Nacht von Samstag auf Sonntag Schnee fiel. Die Kinder seiner Nachbarschaft in Südost London verließen früh morgens die Wohnungen, spielten plötzlich auf weißen Wiesen, Bürgersteigen und selbst Straßen. Sie zogen Schlitten, bauten Schneefiguren, fochten Schneeballschlachten aus. Den Blogeintrag zu diesem denkwürdigen Ereignis nannte er:

Snow 1, Snapchat 0

Tim Gill

Und noch etwas zum Schluss: Ausgerechnet der Autor und Kinderarzt Herbert Renz-Polster, bekannt als großer Befürworter der „Draußenkindheit“, sieht digitale Spielwelten auch als Abenteuerlandschaften an, in den Kinder wichtige Erfahrungen machen können: „Es stellt sich die Frage, ob Kinder nicht auch so manche elementaren Erfahrungen und Abenteuer am Bildschirm, mit elektronischen Mitteln machen können. Ein Räuber-und-Ritterspiel wie Clash of Clans kann eine sehr kreative Welt sein.“

Digital ist also nicht gleich böse, analog nicht immer automatisch gut und „kindgerecht“. Digital ist aber auch nicht automatisch fortschrittlicher oder besser als analog. Eltern tun deshalb gut daran, sich Zeit zu nehmen und sich über die Dinge zu informieren, die sie ihren Kindern zum Zeitvertreib und Spiel, aber auch für Bildung und Kommunikation in die Hände geben. Unsere scout-Serie „Smarte Kindheit“ soll sie dabei unterstützen.


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Smarte Kindheit, Teil 2: Smart Toys in Kinderhänden: Die Risiken - Online ab Mitte Dezember.