Familie

Ganz schön anstrengend, diese Medienerziehung

Foto: Achim Multhaupt

Doch nur danebenstehen und zugucken ist keine Option. Eltern müssen Regeln aufstellen, diese ernstnehmen und selbst ein gutes Vorbild sein.

Ein Artikel von Andreas Beerlage


Alle einsteigen, es geht zur Oma aufs Land! Der sechsjährige Henry nimmt auf der Rückbank Platz. Kaum thront er auf seiner Sitzerhöhung, fordert er die zügige Auslieferung des elterlichen Tablets ein. Knopfdruck, tippen, wischen, schon läuft ein Animationsfilmchen der Serie „Ninjago – Meister des Spinjitzu“. Knappe 45 Minuten dauert die Fahrt auf der A 23 von Hamburg in Richtung Norden, ins Dorf hinter Elmshorn. Wer in die vorbeifahrenden SUVs schaut oder in überholte Kleinwagen auf der rechten Spur, der stellt überrascht fest: Digitales Entertainment auf den Kinderplätzen ist absoluter Standard geworden.

Offensichtlich mag man Henry und den anderen Knirpsen nicht länger zumuten, mal eine Dreiviertelstunde aus dem Fenster auf norddeutsche Landschaften zu schauen. Jede Sekunde kindliche Wartezeit, so will es scheinen, muss heutzutage überbrückt werden. Selbst auf dem Wickeltisch stellen Eltern die Kleinen digital ruhig: Wer laut schreit, bekommt das Handy.

Früher, so erzählen Großeltern manchmal, wurden Kleinkinder mit einem in Schnaps getunkten Schnuller bettfertig gemacht. Heute sind Handy und Tablet die Frieden bringenden Wunderwaffen. Die digitale Revolution im Kinderzimmer hat vor gerade einmal zehn Jahren begonnen: mit der Vorstellung des ersten iPhones. Seitdem sind Medien wischi-waschi und baby-eier-leicht zu bedienen. Smartphone und Tablets funktionieren als mediale Alleskönner: E-Mails checken, im Netz surfen, spielen, Filme sehen, Musik hören, navigieren, Freundschaften pflegen – alles möglich auf Mäusekino-Monitoren ab fünf Zoll Diagonale.

Wenn Kinder so alt sind wie Henry, dann haben sie vermutlich schon ein paar tausend Mal ein solches Endgerät in den Händen gehalten. „Medienerziehung beginnt in den Familien oft erst, wenn die Kinder zehn oder zwölf sind, und dann ist es vielleicht schon zu spät“, kritisiert Jörg Paysen, Leiter der Elternschule Nordfriesland.

Vom sehr verbreiteten Unbehagen bei den Eltern – „Man sollte eigentlich was tun, aber wie?“ – berichten alle Experten, mit denen scout für diese Ausgabe Kontakt aufgenommen hat, insbesondere solche, die aktiv in der Elternberatung tätig sind.

Gesteigerte Anforderungen

Kinder wachsen heute mit zu großem Zeit- und Leistungsdruck auf, wie der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort im scout-Interview „Eltern sind Eltern. Keine Freunde“ ab Seite 8 erzählt. Die lieben Eltern sehen sich heute ebenfalls gesteigerten Anforderungen in der Gesellschaft ausgesetzt: In einer immer schneller getakteten Welt sollen sie den Nachwuchs fit für die Zukunft machen. Hausaufgaben, Sport, Reiten, Musikunterricht, täglich gesund kochen, daneben noch Freunde und Verwandte treffen.

Man denkt sich: „Ja, was denn sonst noch alles?“ Und so stehlen sich heute viele Eltern aus der medienerzieherischen Verantwortung: Sollen doch Hort und Schule Kompetenzen vermitteln, vor Risiken warnen und Chancen nutzen.

Sorry, liebe Eltern, so einfach gehts dann leider doch nicht. Erziehung ist nun mal euer Job, und die Medienerziehung ist da keine Ausnahme.

Da wären zum Beispiel die Belange des Jugendschutzes, der in Fernsehen und Kino mit Altersbeschränkungen ja schon selbsterklärend reguliert ist. Warum sollte man sich nicht daran halten? Im Netz können Eltern zum Beispiel mit spezieller Jugendschutz-Software bedenkliche Gewalt- und Sex-Inhalte sperren oder den Internet-Frischlingen über sogenannte Whitelists nur den Besuch unbedenklicher Seiten ermöglichen.

Nur macht das kaum einer. Stattdessen schauen viele Eltern viel zu häufig weg, wenn die Kinder surfen. Oder finden es cool, mit dem Filius „Grand Theft Auto III“ zu spielen und Punkte beim Überfahren von Passanten zu sammeln. Mit USK 18-Altersbeschränkung, versteht sich.

Doch statt mit dem virtuellen Pick-up durch amerikanische Industriebrachen zu fahren, könnte man doch eigentlich viel besser einmal darüber reden, wie man wirklich sichere Passwörter entwickelt. Man könnte auch über Klarnamen in sozialen Netzwerken diskutieren – oder darüber, was Cyber-Grooming eigentlich ist.

Mal so als Vergleich: Verkehrserziehung hat sich in der Gesellschaft als Standard durchgesetzt. Jeder Pöks fährt mit Helm. Nur in Digitalien werden Kinder, im übertragenen Sinne, ohne alles auf die Straße geschickt.

Es ist, als würde man einen Fünfjährigen mit seinem Tigerenten-Fahrrad einfach losradeln lassen. Und hinterherrufen: „Tschüss, gute Fahrt. Über die Sache mit der Ampel reden wir später!“

Die Medienerziehung beginnt in den meisten Familien viel zu spät.

Jörg Paysen

Erziehungsrolle rückwärts

Medienerziehung ist von allem etwas. Sie schützt Kinder vor sich selbst, dazu vor schlechten Einflüssen, und regelt ein zivilisiertes Miteinander. Andrea Rodiek, die beim Hamburger Institut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) auch Eltern berät, die „Medienstress“ mit ihren Kindern haben, empfiehlt denen: „Nehmt die Elternrolle wieder ein!“ Es ist eine Erziehungsrolle rückwärts, denn Eltern sahen sich in den vergangenen Jahren eigentlich lieber in einer partnerschaftlichen Beziehung mit ihren Kindern.

Diese Elternrolle auch in Sachen Medienerziehung wieder einnehmen, das heißt: sich trauen, auch einmal nicht beliebt zu sein. Es heißt, klare Positionen zu beziehen. Wie diese aussehen können, hat scout ab Seite 15 unter der Überschrift „Klartext“ zusammengetragen.

Alle Kinder und Jugendlichen, die wir für die Porträts in diesem Heft gesprochen haben, sprechen sich übrigens auch für klare Regeln aus. Und sie fordern ihre Eltern auf, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen.

Erziehung ist aber nicht nur das preußische Einfordern von korrekten Verhaltensweisen. Die meisten Experten sagen: Erziehung muss verlässlich sein und sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren – nicht nur an denen der Eltern.

Dafür allerdings muss man sich für die Lebenswelt der Kinder interessieren, mit ihnen einmal ihre Spiele daddeln und schauen, in welchen sozialen Netzwerken sie sich wie verhalten. Und dabei ganz schlicht: gemeinsam eine gute Zeit verbringen.

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