Infografik

Medienerziehung ist super einfach: Man muss Sachen nur tausendmal sagen – dann werden sie vielleicht umgesetzt.

Von Andreas Beerlage

Vor einiger Zeit habe ich einen kleinen Fahrradausfug mit meiner da gerade erwachsen gewordenen Tochter gemacht. Wir fuhren durch Hamburg, und ich konnte beobachten, wie sie jede Hinterhofausfahrt mit einem kurzen Blick bedachte – es könnte ja ein Fahrzeug herausstechen. In dem Moment erinnerte ich mich an die vielen, vielen Male, in denen ich der Tochter zu Beginn ihrer Radlerkarriere an eingeschärft hatte: „Ausfahrt! Schauen! Da kann einer rauskommen!“

Es zählt zu den allgemeingültigen Erfahrungen der Erziehenden, dass man alles, was wichtig ist, mindestens tausendmal gesagt haben muss, bevor es sich in die Hirnwindungen der Heranwachsenden eingraviert hat: auf Apfelschorlen gut aufpassen, dass sie nicht umfallen, bitte nicht die Türe knallen, nicht immer dazwischen quatschen, auch die Innenflächen gründlich schrubben („Zähneputzen nach K-A-I“).

Diese Ermahnungen sind unpopulär, natürlich. Kinder leben im Heute und Jetzt, Eltern berechnen mit Wissen aus der Vergangenheit ihre Zukunftsprognosen, unterbewusst und ständig. Wir sind die Risikomanager*innen unserer Kinder, wollen vom Nachwuchs Schaden abwenden.

Zum klassischen „Bedrohungsportfolio“ hinzugekommen sind heute noch die Risiken, die in den digitalen Medien drohen. Lange kreisten die Bedenken der Erwachsenen vor allem um ausschweifende Zeitnutzung und „Suchtgefahr“. Doch zuletzt schauen Spezialist*innen immer mehr auf die „interaktionsgebundenen Risiken“, zu denen zum Beispiel „Cybermobbing“ und „Cybergrooming“ gehören: Bei Letzterem geben sich Erwachsene in den sogenannten Sozialen Medien als Jugendliche aus, um missbräuchliche Kontakte aufzubauen.

Viele dieser riskanten Interaktionen werden von Kindern und Jugendlichen nicht als solche wahrgenommen (und oft auch von Erwachsenen nicht …).

Problematisch ist auch, dass Eltern in der Regel gar nicht wissen, wo (also auf welcher Online-Plattform) sich die Kinder gerade herumtreiben.

Um Risiken wirkungsvoll zu erkennen und abwenden zu können, müssen Eltern heute mehr als jemals zuvor die relevanten Informationen an vielen verschiedenen Orten zusammentragen: Ab wann darf mein Kind noch mal zu TikTok? Kann da jeder mein Kind einfach anschreiben? Was ist „Tellonym“? Wo bekomme ich eine funktionierende Jugendschutzsoftware her (und wer, außer dem Kind, hat die nötigen Fähigkeiten, sie zu installieren?)?

Wenn es um Medienkompetenz geht, wird von den Profis dieser Disziplin mantramäßig von „Chancen und Risiken“ gesprochen. Die Chancen kommen da meist zuerst, die Risiken sind nur ein Anhängsel. Eltern aber sollten diesen Satz „Das Internet bietet Chancen und birgt Risiken“ genau anders herum formulieren: „Das Internet birgt Risiken. Und bietet Chancen.“

Und, das ist halt Teil ihrer erzieherischen Verantwortung, immer vom Worst Case ausgehen. Das wirkt vielleicht ein wenig hysterisch. Und ist uncool. Aber nur so lange, wie man den Kindern nicht ruhig und sachlich auseinandersetzt, warum genau jetzt was ein No-Go ist.

Beim Radfahren ist das doch die logische Vorgehensweise: Ich gehe nicht davon aus, dass alles „schon irgendwie klappt“, sondern erwarte aus jeder Hinterhofausfahrt entlang des Radwegs ein Fahrzeug. Ich setze den armen Kleinkindern auf ihren Roll-Rädern ja auch nicht diese absurd großen Schutzhelme auf, weil die so gut aussehen.

Es wird Zeit, das auch beim Umgang mit den digitalen Medien zu beherzigen. Also nicht denken, „WhatsApp, was soll da schon passieren!?” Sondern aktiv werden und sagen: „Wenn da irgendwer krasses Zeug postet – Pornos, Nazikram, Gewaltvideos – dann musst du mir das zeigen. Das ist gefährlich, für dich und für die anderen!“

Eltern, die zugewandt und interessiert sind, wird das vom Nachwuchs auch nicht sonderlich übelgenommen. Da sind sich die Pädagog*innen sicher, mit denen wir für unser „Ich sehe was, was du nicht siehst!“-Heft zum „Risiko-Management“ im Netz gesprochen haben.

Im Gegenteil, echtes Interesse wird positiv zur Kenntnis genommen. Klar, „tausendmal“ nervt. Aber es wirkt auch. Also, sehr wahrscheinlich.

Kleiner Funfact zum Schluss: Letztens bin ich mit dem Auto die Osterstraße in Hamburg-Eimsbüttel heruntergefahren. Da rollt auf dem Fahrradstreifen eine junge Frau freihändig auf ihrem blauen Hollandrad, tippt nebenbei eine Nachricht ins Handy. Es war die Tochter …

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