Medienbildung

Gib Data!

Big Data, Datenschutz, Privatsphäre – was sagt eigentlich der Nachwuchs dazu? scout-Autor Andreas Beerlage hat in einer Schulklasse im Norden hingehört.

Fotos: Maria Schiffer; Illustrationen: Alexander Glandien
Fotos: Maria Schiffer; Illustrationen: Alexander Glandien

Ortstermin im Gymnasium Humboldt-Schule in Kiel, Anfang Juli, kurz vor Beginn der Sommerferien 2014. Neogotische Architektur, ein Hauch von Harry Potter. Allerdings fliegt keiner mit dem Nimbus 2000 durchs Treppenhaus, dessen Stufen mit Schülern besetzt sind, die fast unheimlich ruhig auf die Displays ihrer Smartphones starren. Es ist nachmittägliche MINT-Stunde der 9. Klassen – MINT heißt der Wahlpflichtunterricht zu Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften.

„Was verbindet ihr mit dem Wort Datenschutz?“, fragt Lehrer Manuel Raschke seine 15-jährigen Schüler. „NSA“, sagt Leo. „Verschlüsselte Nachrichten“, sagt Svea. „Jeder ist berührt, jeder muss selbst darüber entscheiden“, sagt ein Schüler. Ein anderer gesteht: „Ich weiß, es gibt Risiken, aber die nehme ich in Kauf.“ Das nennen Medienwissenschaftler übrigens Datenschutz-Paradox, es gilt für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen. Im Prinzip ist Datenschutz wichtig. Er wird dann aber im konkreten Fall nicht umgesetzt.

Ich weiß, es gibt Risiken, aber die nehme ich in Kauf

Bald ist klar, dass die Kieler Jugendlichen sich der Vielschichtigkeit des Schlagworts durchaus bewusst sind. „Und was könnt ihr mir zu Big Data sagen?“, fragt Manuel Raschke. „Das ist ein Programm, das Daten aufspürt“, kommt es aus der Runde. Dann meldet sich Ole: „Das ist ein Überbegriff. Ohne triftigen Grund wird alles gesammelt.“ Dana sagt: „Big Data ist ein Problem, wenn Daten weitergegeben werden, ohne dass ich es weiß. Wenn ich bei C&A einen blauen Pulli anschaue, und auf einer anderen Site gibt es plötzlich Werbung für so einen Pullover.“ Die Schüler sind also im Themenfeld durchaus zu Hause. Was daran liegen könnte, dass sich Lehrer Raschke für Informatik-Themen begeistert. Vielleicht auch daran, dass das Gymnasium regelmäßig große Medienkompetenztage durchführt. Würden überall im Lande Jugendliche über Verschlüsselungsprogramme fachsimpeln oder Statements zu Cookies abgeben, müsste man sich wohl keine ganz so großen Sorgen um die „Generation WhatsApp“ machen. Oder?

Fotos: Maria Schiffer; Illustrationen: Alexander Glandien
Fotos: Maria Schiffer; Illu.: Alexander Glandien

Zu einem ganz anderen Ergebnis kam allerdings das Meinungsforschungsinstitut Dimap kurz vor der Bundestagswahl 2013: Ob Datenschutz ein wichtiges politisches Thema sei, wurden Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren gefragt. Nur vier Prozent antworteten mit „Ja“.

Damit aus dem Profil der Profit wird

Das war im vergangenen Jahr. 2014 hingegen steht – nach den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden – im Zeichen eines ständig wachsenden Bewusstseins um die Brisanz des Themas Big Data. Und nicht nur die Geheimdienste wollen möglichst viel von uns wissen: Auch Internet- und Software-Giganten wie Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft versuchen mithilfe riesiger Mengen gesammelter und abgeglichener Daten unser „Kundengenom“ zu entschlüsseln – damit aus dem Profil der Profit wird.

Wir zahlen im Netz mit unseren persönlichen Daten.

Denn überall dort, wo wir kostenlose Dienste in Anspruch nehmen, zahlen wir trotzdem, und zwar mit unseren persönlichen Daten. Big Data buchstabieren die Internet-Multis ein wenig anders. Nämlich: „Gib Data!“ Bislang wird den meisten Jugendlichen im Rahmen von Medienkompetenz-Unterrichtseinheiten vor allem eines vermittelt: Dass sie sich ganz persönlich „datenschützen“ müssen, weil es um ihre eigene Zukunft geht, wenn sie Suff-Fotos oder Selfies im Bikini auf Facebook posten. Es wird also vermittelt, dass Datenschutz ein Ich-Thema sei. Die größere, die politische Dimension, die Wir-Dimension, wird eher selten verdeutlicht. Wenn die NSA den E-Mail-Verkehr überwacht, wenn eBay samt Tochterunternehmen PayPal die Surf-, Kauf-, Liefer- und Bezahldaten seiner Kunden bis zum Sankt Nimmerleinstag speichert – dann geht es vor allem um das universelle Grundrecht der Unversehrtheit des Privaten.

Fotos: Maria Schiffer; Illustrationen: Alexander Glandien
Fotos: Maria Schiffer; Illu.: Alexander Glandien

Auch diese größere Dimension versucht Manuel Raschke mit seinen Schülern zu ergründen. Er erzählt von einer US-Schule, die Tablets an ihre Schüler verteilt und die Kameras eingeschaltet lässt. Ein Schüler verhält sich verdächtig, die Schule kontaktiert die Eltern. Der Vorwurf: Es könnten Drogen im Spiel sein. Leo ruft: „Das ist eine Scheißschule!“ Andere Zwischenrufe sind: „Sofort verklagen!“ – „Verletzung der Privatsphäre!“ – „Das ist gegen die Menschenrechte!“

Die Empörung ist echt. Ole sagt: „Niemand hat bei mir etwas zu suchen, es sei denn, ich erlaube es.“ Das Bewusstsein, dass viele missbräuchliche Anwendungen von Big Data weit über Ärgernisse und Nervereien hinausgehen, ist also vorhanden. Die Schüler versuchen nun mithilfe eines Arbeitsblattes zu ergründen, welche Informationen welche Personenkreise etwas angehen: Wer darf wissen, dass ich krank bin? Wer darf wissen, wie viel ich / meine Eltern verdienen? Wer soll mein Bewegungsprofil anschauen dürfen? Ole sagt: „Mein Bewegungsprofil geht niemanden etwas an.“ Dana sagt: „Wenn mich jemand fragt, wo ich gerade bin, dann poste ich es natürlich!“

Zwischen Postzen und Privatsphäre

Genau darum geht es: den Mittelweg zwischen Posten und Privatsphäre zu finden. Sich des Werts von Informationen bewusst zu sein. Denn wer weiß, dass Skype, Facebook und Googlemail Posts, Chats und Mails nach Stichworten auslesen, der wird wahrscheinlich trotzdem nicht völlig auf die Dienste verzichten wollen. Aber sich in Zukunft vielleicht besser überlegen, was privat ist und was nicht.

Fotos: Maria Schiffer; Illustrationen: Alexander Glandien
Fotos: Maria Schiffer; Illus.: Alexander Glandien

Datenschutz ist ziemlich anstrengend. Davon erzählen Ole und Marco. Ole hat bei Facebook die Einstellung „Nicht über Google suchbar“ gewählt, sein Name soll also nicht über die Suchmaschine anzusteuern sein: „Das wird aber bei jedem neuen Update aufgehoben, und ich muss es immer wieder neu einstellen.“ Marco hat eine App von Amazon auf seinem Handy installiert, und die wollte „partout, dass ich meine Daten in der Cloud speichere. Ich habe die App gelöscht und das Smartphone zurück­gesetzt“. „Wie könnt ihr eure Daten sonst noch schützen?“, fragt der MINT-Lehrer. „Die Kamera auf dem Laptop oder dem Handy überkleben!“ – „Meine Nachrichten verschlüsseln.“

 

 

 

Datenschutz ist ziemlich anstrengend.

Wenn es schon so weit ist, dass Schüler der neunten Klasse Verschleierungstechniken anwenden, die vor zehn Jahren eher zum Repertoire von Hackern des Chaos Computer Clubs gehörten, dann muss sich wirklich etwas in der Wahrnehmung von Datenschutz geändert haben.

Die meisten der Kieler Jugendlichen, so der Eindruck, nehmen den Kampf um den Datenschutz durchaus sportlich. Das ist ein angenehmes Gegengewicht zu digitalen Weltuntergangsszenarien, die im Umlauf sind. So unverkrampft sollten sich wohl auch die Erwachsenen – Eltern und Lehrer – dem Thema stellen.

 

Dieser Artikel ist in der scout-Ausgabe 2_2014 erschienen.

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