Facebook-Problem „Hate Speech“

Mit mehr Medienkompetenz gegen den Hass im Netz?

Beleidigungen, Gewaltphantasien, Nazi-Sprüche, Hetze oder sogar Morddrohungen – in Online-Kommentaren ist das mittlerweile trauriger Alltag. Im Fokus derzeit: Facebook. Nur widerwillig widmet sich die Plattform den Hass-Postings auf ihrer Seite. Während sich die Politik um mehr Transparenz und mehr Aktivität bemüht, sehen Experten eher langfristige Lösungen: Mehr politische Bildung und Medienkompetenzförderung.

Wer sich die Mühe macht, sich durch Kommentare von Online-Magazinen oder durch Facebook-Beiträge zu lesen, kommt aus dem entsetzten Staunen nicht heraus. Was früher nicht einmal in den eigenen vier Wänden an Hass, Neid, primitiven Vorurteilen, rechtsradikalem Gedankengut und widerwärtigsten Beleidigungen geäußert worden ist, gehört heute zum netzöffentlichen Alltag. Viele Online-Medien sperren schon ihre Kommentare, weil sie mit dem Löschen rechtsradikaler, beleidigender und zur Gewalt auffordernder Äußerungen nicht mehr nach kommen. In den weniger kontrollierten Gefilden finden Spinner, Nazis und „besorgte Bürger“ nach wie vor freie Bahn für jedwede Hetze.

Facebook hat ein Problem: Hass Postings
Facebook hat ein Problem: Hass Postings

Löschen oder ausdiskutieren?

Besonders im Fokus der Diskussion ist Facebook. Das größte soziale Netzwerk bewegt sich seit einem Jahr zwischen zögerlicher Kontrolle ihrer Nutzer und deutlichem Unwillen, mehr dafür zu tun. Im Oktober letzten Jahres wurde die Task Force „Gemeinsam gegen Hass im Netz“ mit Vertretern von Facebook, Google und Twitter sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen von Bundesjustizminister Heiko Maas eingerichtet. Facebook reagierte schmallippig: Ja, man lösche Postings, aber nein, wie das genau funktioniert, wollte man zunächst nicht recht sagen. Die Nutzer, das wäre Facebook lieber, sollten doch einfach Hass-Postern widersprechen (sog. Counter Speech) – und somit den Traffic auf der Plattform weiter erhöhen.

100.000 Beiträge pro Monat werden bei Facebook gelöscht

Es dauerte bis zum Herbst 2016, bis Facebook erstmals eigene Zahlen zu entfernten Beiträgen nannte. Innerhalb eines Monats seien in Deutschland etwa 100.000 Inhalte mit Hasskommentaren und Beleidigungen gelöscht worden, so das Unternehmen. Eine zunächst beeindruckende Zahl. Doch laut Süddeutscher Zeitung zeigte ein von der Bundesregierung initiierter Test, dass Facebook nur 46 Prozent von strafrechtlich relevanten Inhalten innerhalb von 24 Stunden nach Kenntnisnahme löscht. Ähnliche Ergebnisse dokumentierte der Würzburger Rechtsanwalt Chan-jo Jun, dessen darauf beruhende Anzeige wegen Volksverhetzung und Unterstützung terroristischer Vereinigungen Anfang November 2016 zu einer Ermittlung der Münchner Staatsanwaltschaft gegen Facebook-Chef Marc Zuckerberg und zahlreiche andere Facebook-Verantwortliche geführt hat.

Algorithmen belohnen Radikales

Was passiert eigentlich, wenn Menschen vor einer Computertastatur jegliche Beherrschung verlieren? Welche Mechanismen ermöglichen hier vollkommen enthemmte Verhaltensweisen, die es in der „realen Welt“ so meist nicht gibt? „Ich glaube, wir haben es mit einem Suchtphänomen zu tun, das noch nicht hinreichend verstanden wurde“, schrieb der SPIEGEL-Kolumnist Jan Fleischhauer kürzlich und schlug die Krankheitsbezeichnung „Facebook- und Twitter-Wahn“ vor. Die österreichische Journalistin Ingrid Brodnig, die ein Buch dazu geschrieben hat („Hass im Netz“, Brandstätter Verlag), sieht das größte Problem in der Unsichtbarkeit des Gegenübers. „Wenn ich jemanden als Schlampe oder Idiot bezeichne, sehe ich im Netz nicht, wie sehr ich die Person verletze“, sagt Brodnig. Außerdem, so die Autorin, profitierten die verbalen Randalierer von den Social-Media-Algorithmen. Radikale Äußerungen bekämen relativ viele Reaktionen, was von den Netzwerken wiederum mit mehr Sichtbarkeit belohnt würde.

Was man gegen Hate Speech tun kann

Im Kampf gegen den Hass im Netz werden zahlreiche Strategien diskutiert. Bundesjustizminister Heiko Maas will mehr Transparenz und prüfen, ob man soziale Netzwerke verpflichten soll, offenzulegen, wie viele Beschwerden wegen illegaler Hasskommentare sie bekommen und wie sie damit umgehen. Andere sehen die Polizei in der Verantwortung, stärker gegen volksverhetzende Äußerungen oder Gewaltandrohungen zu ermitteln. ZDF-Moderatorin Dunja Hayali oder Grünen-Politikerin Renate Künast besuchten Hass-Schreiber persönlich und fragten sie nach ihren Beweggründen. Einige Journalisten versuchen es mit Ironie und gestalten mit Hasskommentaren lustige Leseabende mit bitterem Nachgeschmack. Gegen die schiere Masse des Hasses, der sich im Netz ergießt, erscheinen diese Maßnahmen am Ende jedoch wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

Counter Speech mit Augenmaß

Ein andere Strategie gegen die Flut radikaler Hetzbeiträge ist Counter Speech, also: Mehr Bürger müssten aktiv widersprechen, in den Foren, auf den Kommentarseiten oder eben bei Facebook. „Counter Speech ist wichtig, aber sollte mit Augenmaß betrieben werden“, rät Uli Tondorf, der Medienkompetenzexperte der Fachstelle für Prävention der Aktion Kinder- und Jugendschutz Schleswig-Holstein (AKJS). Engagierte Jugendliche, die in Gegenaktionismus verfallen, liefen Gefahr, sich in Auseinandersetzungen hineinzusteigern, die eskalieren und womöglich zur realen Bedrohung werden könnten. Gleichwohl sei es richtig, immer wieder gegen Hate Speech zu argumentieren.

Mehr Bildung und Medienkompetenz stärken

Benötigen wir nun neue Gesetze oder strengere Regulierungen? Auch Experten wie Uli Tondorf haben keine einfachen Antworten auf diese Frage. Sie möchten aber bereits Jugendliche dafür sensibilisieren, dass das Netz kein rechtsfreier Raum ist und am anderen Ende der Datenleitung tatsächlich Menschen vor den Bildschirmen sitzen. „Für Jugendliche brauchen wir eine Kombination von politischer Bildung, Extremismus-Prävention und Medienkompentenzförderung“, fordert Tondorf. Zur Medienkompetenz gehöre beispielsweise, dass auch junge Menschen wissen, welche Handlungsmöglichkeiten es bei Hate Speech gibt. Beurteilen zu können, wann eine Gegenrede angebracht sei oder wann Äußerungen besser bei Polizeistellen angezeigt oder bei Seitenbetreibern gemeldet werden sollten, gehöre zum Handwerkszeug medienkompetenter Nutzer.


Empfehlungen für Konfliktfälle

Wer sich akut von rechtsextremen, rassistischen oder antisemitischen Vorfällen verunsichert, beeinträchtigt oder bedroht fühlt oder die Verantwortung spürt, handeln zu müssen, kann sich in Schleswig-Holstein an das Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus wenden.
www.beranet-sh.de

Präventiv agiert das Projekt Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Schülerinnen und Schüler setzen sich an ihrer Schule aktiv und langfristig gegen Rassismus und Diskriminierung und für ein soziales, solidarisches und friedliches Miteinander in ihrer Schule und Umgebung ein.
akjs-sh.de/schule-ohne-rassismus-schule-mit-courage

Broschüre über Hate Speech

Eine sehr gute, an Jugendliche gerichtete Aufarbeitung des Themas Hate Speech stellt die Broschüre „Hate Speech, Hass im Netz“ dar. Sie wurde von der Landesanstalt für Medien NRW und dem AJS NRW in Kooperation mit klicksafe.de erstellt.
Download: akjs-sh.de/produkt/hate-speech-hass-im-netz

Weitergehende Informationen und Materialien zum Download findet man auch auf der Website No-Hate-Speech.de:
no-hate-speech.de

Wer gesetzwidrige Postings im Netz findet, kann sich auch an die Meldestellen der Polizei in Hamburg und Schleswig-Holstein wenden. Gegenwärtig ist dieser Weg oftmals schneller und erfolgversprechender als zum Beispiel ein Hinweis an Facebook.

Polizei Hamburg:
https://gateway.hamburg.de/HamburgGateway/FVP/Application/DienstEinstieg.aspx?fid=49
Polizei Schleswig-Holstein:
https://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/LPA/Onlinewache/html/Onlinewache.html;jsessionid=3103331E3241D2826E5C8D77F6693B16


Veranstaltungshinweis

Diskutieren Sie mit uns:

Justiz, Gesellschaft oder Facebook – Wer kommt gegen Hate Speech an?
Donnerstag, 17. November 2016, 11:00 – 13:00 Uhr

Mövenpick Hotel Hamburg

Vortrag und anschließend Diskussion mit Gerd Billen, Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, Martin Drechsler, Geschäftsführer Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM e.V.), Martin U. Müller, SPIEGEL-Redakteur, Julia Krüger, Sozialwissenschaftlerin und Autorin.

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