Interview mit einem Jugenschutz-Experten

Gegen Mauern rennen und trotzdem weiterkommen

Foto: Achim Multhaupt

Stephan Dreyer ist Diplom-Jurist und Wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg. Der Vater von drei Kindern schaut gerne gemeinsam mit ihnen ins Netz.

scout: Angenommen, ein guter Freund von Ihnen bittet Sie um Hilfe bei der Medienerziehung. Dessen achtjähriger Sohn nutzt bereits ein Smartphone, spielt ständig Online-Spiele und besetzt das häusliche Tablet mit USK-16 Spielen. Was würden Sie raten?

Dreyer: Ich würde den Freund erst einmal fragen, was er mit seinem Sohn zusammen macht. Guckt er sich das vielleicht nur von außen an und weiß gar nicht, was der Sohnemann online macht? Oder spielen sie vielleicht auch mal gemeinsam? Das wäre der erste Hinweis, den ich ihm geben würde: Immer gemeinsam ran! Mit Achtjährigen kann man das noch gut machen. Die sind Experten in ihren Bereichen, erklären gerne und viel von den Sachen, die sie verstehen. Und sie sind offen für Hinweise und Tipps von jemandem, der in anderen Sachen besser ist als sie. Und deswegen würde ich ihm raten, zusammen zu spielen, zusammen zu erforschen. Das können Spiele oder Internet-Angebote sein – aber eben auch die Einstellungsmöglichkeiten der Geräte, und da gehören verschiedene Formen von Kindersicherungen dazu.

scout: Auf was sollten Eltern dabei achten?

Dreyer: Wenn mein Freund mit den Geräten zu mir käme, würde ich ihm zeigen, welche speziellen Einstellungsmöglichkeiten es gibt. Denn bei Smartphone, Tablet, Spielekonsole oder Desktop-PC habe ich ganz unterschiedliche Möglichkeiten, die technischen Schutzmaßnahmen so einzustellen, dass sie mir bei meiner Medienerziehung helfen. Bei vielen Geräten kann ich für Kinder mittlerweile problemlos Zugänge mit Schutzfunktionen einrichten. Einige Hersteller weisen auch aktiv auf diese Einstellungsoptionen hin. Was die Geräte selbst nicht abdecken können, das kann man innerhalb einzelner Angebote oder über zusätzliche Software wie Filter-Apps oder Kinderschutzsoftware nachrüsten. Das lässt sich ganz oft auch so einstellen, dass sich das für einen Achtjährigen gut anfühlt. Und nicht beschränkend oder bevormundend.

Ist das Einrichten von Jugenschutz-Programmen kompliziert?

scout: Das wird akzeptiert?

Dreyer: Technische Kinderschutzvarianten helfen nicht, wenn man sie nur als Argumentationsroboter oder Verbotsmaschinen versteht und denkt, dass man sich als Eltern dann nicht mehr kümmern muss. Kinderschutzoptionen schaffen aber Gesprächsanlässe in der Familie. Wenn zum Beispiel der Sohn kommt und sagt: ‚Ich wollte mir so gerne diese Minecraft-Tutorial angucken, aber ich kann nicht auf YouTube.’ Das ist dann der Anlass für Eltern und Sohn, darüber zu sprechen, warum YouTube blockiert ist. Und ob man möglicherweise eine andere Einstellungsmöglichkeit findet, um es so benutzen zu können, wie der Sohn das für seine Informationsbedürfnisse zu benötigen glaubt.

scout: Ist das Einrichten zum Beispiel eines Jugendschutz-Programms nicht zu kompliziert?

Dreyer: Da würde ich unterscheiden. Wenn ich ein paar Wochen mit einem Angebot für kommerzielles Videostreaming wie zum Beispiel Netflix oder Amazon Prime Video umgegangen bin, dann kenne ich mich rasch mit den Einstellmöglichkeiten aus. Bei solchen Anbietern sind Jugendschutz-Features in der Regel relativ einfach einzustellen und im Alltag gut zu nutzen. Jugendschutz-Programme allerdings können für jemanden mit grundsätzlicher Abneigung gegen Computerprogramme etwas schwieriger einzurichten sein. Aber auch hier ist zuletzt viel passiert, und solche Programme sind inzwischen eigentlich recht leicht zu installieren.

Kinderschutz auf Facebook, YouTube und WhatsApp

scout: Wie ist es auf Facebook?

Dreyer: Da würde ich meinem Freund sagen: ‚Ein Achtjähriger hat da nichts zu suchen.‘ Facebook ist kein Angebot für Kinder. Deswegen sollte man Facebook auf Endgeräten, die in Kinderhänden sind, blockieren.

scout: Auf YouTube gibt es oft direkt neben Videos, die für die Schule gebraucht werden, auch solche, die Kindern schaden können. Was raten Sie Eltern?

Dreyer: YouTube ist eine große Herausforderung für die Medienerziehung, weil es die komplette Bandbreite unserer Lebenswelt abdeckt, mit allem, was dazu gehört, schönen Sachen und schlimmen Sachen. Und genauso schnell wechselt die Altersangemessenheit der Videos, die ich dort finde. Es gibt auf YouTube die ‚Safe Search’- bzw. ‚Eingeschränkter Modus’-Funktion, die unangemessene Inhalte weitgehend filtert. So kann ich schon mal ausschließen, dass mein Kind zufällig Bekanntschaft mit Gewaltvideos oder dergleichen macht. Nichtsdestotrotz können dann immer noch für Kinder problematische Videos durchgehen. Ich muss als Vater oder Mutter bei YouTube immer aufpassen und bei Problemen helfen. Das gilt auch für problematische Werbung, etwa für Schlankheitstabletten. Oder gar für Kontakt suchende Damen aus fernen Ländern, die plötzlich neben einem kindgerechten Video auftaucht. Mich erstaunt, dass YouTube trotz der Inhaltsanalysen nicht erkennt, dass sich das Video eigentlich an Kinder richtet, und dort solche unpassende Werbung anzeigt.

scout: Was sollten Facebook, YouTube, WhatsApp tun, damit Kinder nicht belästigt, beleidigt und ausgeforscht werden?

Dreyer: Ich würde Instagram noch dazuzählen, weil es auch für Achtjährige schon relevant wird. Alle genannten Plattformen häufen für ihre Werbeaktivitäten Wissen über die Nutzer an und setzen Technik zur Personalisierung ein. Dieses Wissen und diese Technik sollten sie auch für Jugendschutzaktivitäten und -einstellungen nutzen

Jugendschutz-Programme können Eltern helfen, sie aber nicht ersetzen.

Stephan Dreyer

scout: Kann Schutzsoftware auch helfen, die Aus-Taste zu finden, wenn Eltern ihre Kinder zum Abendessen rufen, aber keine Antwort erhalten?

Dreyer: Ja. Es gibt Kinderschutzsoftware, die das Einrichten von Zeitgrenzen bis hin zu zeitlichen Tages- oder Wochenkonten anbietet. Da können sich die Kinder dann selbst ihre Online-Zeit einteilen. Der Nachteil dieser Lösungen ist, dass die Programme nicht unterscheiden können zwischen ‚guter Arbeit’ am PC oder Smartphone und reinem Online-Spaß. Das ist schwierig, wenn die Kinder zum Beispiel länger für eine Hausaufgabe recherchieren, weil das dann von ihrer Online-Zeit abgeht. Da werden die Kinder dann unruhig. Eine technische Zeitbegrenzung kann aus Sicht der Medienerziehung also in krassen Fällen schon helfen, um wieder eine Regel reinzukriegen. Für den normalen Minderjährigen ist sie aber eher kontraproduktiv.

scout: Hat man seine Arbeit als Mutter oder Vater getan, wenn die Schutzsoftware erfolgreich installiert ist?

Dreyer: Nein, leider nicht. Weil die Schutzsoftware im Vergleich zu einer reflektierten Medienerziehung relativ dumm ist. Bewusst oder unbewusst sieht man als Eltern bestimmte Online-Sachen als fürs Kind geeignet an und andere nicht. Und man hat eine Vorstellung davon, wie man das durchsetzen möchte. Sich jetzt komplett auf Software und Technik zu verlassen, die vielleicht nicht mal unterscheiden können, ob es sich zum Beispiel um eine erotische Seite handelt oder um eine Aufklärungsseite zu sexuellen Fragen, das reicht nicht.
Schutzsoftware kann ein gutes technisches Hilfsmittel sein. Sie kann helfen. Sie kann Eltern aber nicht ersetzen.

scout: Sie sind Jugendschutz-Experte und selbst Vater von drei Kindern. Wie machen Sie das mit Ihren Kindern – setzen Sie Jugendschutzfilter und -sperren ein?

Dreyer: Wir nutzen in der Familie die Jugendschutz-Funktionen der Geräte und der einzelnen Angebote. Im Alltag rennen die Kinder dann oft gegen Mauern – das ist aber Teil unserer Diskussion, weil die Kinder dann sagen: ‚Ich möchte da trotzdem gerne hin.’ Wenn sie uns erklären, was da online los ist und was sie interessant daran finden, dann gucken wir uns das gemeinsam an. Und wenn meine Frau oder ich das okay finden, dann schalten wir das frei.


Dieser Artikel stammt aus dem scout-Heft 2/2017: "Kinder im Netz schützen!"

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