scout-Meinung

Kinder-Influencer bei YouTube: Noch ein Freizeitspaß? Oder längst Family-Business?

Illustrationen: Pia Sakowski

Ein Artikel von Nina Soppa


Wie ihre großen Idole grüßen Kinder bei YouTube ihre Fans. Sie stellen in Unboxing-Clips ihre neuesten Spielsachen vor, führen Produkttests durch. Und fordern ihre Eltern in Challenges. Schon Fünfjährige haben Werbekooperationen, werden durch Marketing-Agenturen vertreten.
Wie kommen die Kinder dazu?

scout hat dazu eine Meinung!

Aus eigenem Antrieb? Oder fremdbestimmt?
YouTube bringt Spaß! Nicht nur das Anschauen der Clips, sondern auch, sie selbst zu erstellen. Und schon kleine Kinder haben Freude daran, zu posieren, Geschichten zu erzählen oder etwas vorzuführen. Guckt man sich allerdings die Kinderkanäle bei YouTube an, kommt schnell die Frage auf, wer hier wohl als erstes die Idee eines eigenen YouTube-Kanals hatte: Mutter oder Tochter? Vater oder Sohn? Manchmal wurden die Kids schon von Geburt an mit der Kamera begleitet. Dann liegt die Antwort auf der Hand. Doch auch bei älteren Kindern ist die treibende Kraft im Hintergrund für aufmerksame Beobachter erkennbar.

  • Fordert eine Fünfjährige wirklich schon einen täglichen Video-Upload ein, noch vor der Kita, halb verschlafen oder am Nachmittag, erschöpft vom Kitaalltag?
  • Kommt sie selbst auf die Idee, der Welt zeigen zu wollen, wie Amazons Alexa funktioniert?
  • Sind „Abonniere meinen Kanal“ und „Gib mir einen Daumen hoch“ echtes Kindersprech?

Privat oder öffentlich?
Was online gezeigt wird, haben die Eltern online gestellt. Und hier gilt: Das Netz vergisst nichts. Ob das Kita-Kind in der Grundschule auch noch lustig finden wird, dass es bei der morgendlichen Routine – Aufstehen, Bett machen, Zähne putzen – von seiner Mutter gefilmt und ins Netz gestellt wurde? 300.000 Views erreichte ein solches Video. 300.000 Mal wurden diese privaten Einblicke in das Leben eines kleinen Kindes angesehen. Was das bedeutet, wird das Kind jetzt und vermutlich auch in den nächsten Jahren selbst noch nicht einschätzen können. Die Mutter aber wohl schon: „Ihr Fans habt es euch ja so sehr gewünscht“, sagt sie in die Kamera, und schon beginnt der 12-Minuten-Clip. Wie sieht es mit der Privatsphäre des eigenen Kindes aus? Beim Spielen, Schwimmen oder Singen - die eigenen Kinder werden öffentlich zur Schau gestellt. Erwachsene besitzen Persönlichkeitsrechte. Kinder nicht?

Ein Kinderspielplatz? Oder vorrangig für Erwachsene?
Bei dieser Daily Soap darf jeder Zuschauer sein. Mehr als eine Milliarde Nutzer hat YouTube derzeit. Doch YouTube ist kein Kinderspielplatz, sondern eine Video-Plattform für Jugendliche und Erwachsene. Dementsprechend ist das Publikum vorrangig erwachsen. Wenn die Mini-YouTuber in der Badewanne plantschen, sich umziehen, ihr Kinderzimmer präsentieren, dann sind sie theoretisch alle dabei: Gleichaltrige, aber vor allem auch Erwachsene. Überlegt man sich da als Elternteil nicht, wer als Erwachsener Spaß und Interesse daran hat, vor allem kleinen Mädchen bei ihrem Alltag zuzugucken, und sich wünscht, mehr über die „Morgenroutine“ zu erfahren? Diese Person möchte man im wirklichen Leben sicherlich nicht in die Nähe seines Kindes lassen. Aber in der Online-Welt spielt das plötzlich keine Rolle? Das ist, freundlich ausgedrückt, paradox.

Bist du voll süß? Oder hassen sie dich?
Für jeden zugänglich ist auch die Kommentarfunktion. Über diese kann das Gesehene von den Zuschauern gleich bewertet und mit dem jungen YouTubern in Kontakt getreten werden. Von bewundernden Worten wie „Du bist voll süß und schön“ über Kontaktanbahnung wie „Wann können wir uns mal treffen?“ bis zu persönlichen Beleidigungen wie „Ich hasse dich“ ist alles dabei. Da weiß das Kind schon im Grundschulalter, wie es in der Öffentlichkeit ankommt. Möchte man das seinem Kind wirklich antun? Warum schaltet man die Kommentarfunktion nicht ab? Vielleicht liegt es ja daran: Für das Geldverdienen bei YouTube sind die Kommentare eben auch wichtig - denn auch mit negativen Klicks wird Geld gemacht. Je mehr Traffic auf dem eigenen Kanal, umso mehr Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist das Kapital der YouTube-Kanäle, im positiven wie im negativen Sinne.

Der Antrieb, bei YouTube etwas hochzuladen, ist klar: Man möchte die eigenen Ideen und Interessen ausleben, kreativ sein, sich anderen mitteilen und Anerkennung erfahren. Das motiviert, erwachsene YouTuber ebenso wie jüngere. Ob das bei Kita-Kindern auch schon der Fall ist, ist mehr als fraglich. Vom kindlichen Spielen merkt man wenig. Vielmehr sieht der Zuschauer ein aufgesetztes Schauspiel, dabei hält das Kind immer den Blick zum Regie anweisenden Elternteil. Dazu kommen tägliche Video-Uploads, von der Kita direkt vor die Kamera. Wenn es dann richtig gut läuft, erhöht sich dieser Druck: Auch Werbeverträge verlangen dann nach immer neuen Videos.

Das alles klingt nicht nach Bullerbü. Sondern nach Kinderarbeit. Und Gefährdung des Kindeswohls. Bei der Debatte um die Kinder-YouTuber geht es deshalb weniger um die richtige Kennzeichnung der Clips und auch nicht um die Gefährdung der Kinder, die zugucken. Hier geht es um die Verantwortung der Eltern. Fremdbestimmt und für kommerzielle Absichten vermarktet werden die Kinder ausgerechnet von den eigenen Eltern. Deshalb is hier auch die Aufsicht von Jugendämtern gefordert. Die Frage nach Privatsphäre, Persönlichkeitsrechten sowie Arbeits- und Datenschutz stellen sich scheinbar viele Eltern nicht. Oder missachten sie bewusst: Papa kann seinen Job kündigen, und sich voll auf die Vermarktung des YouTube-Kanal konzentrieren. Denn so lukrativ ist das Geschäft mit dem Töchterchen. Das Kind wird zum Ernährer der Familie. Das hat nichts mit Freizeitspaß zu tun.


Dieser Text ist eine Online-Verlängerung des scout-Hefts 1/2018: "Folge mir!".

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